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Die rechtzeitige Erkennung und regelmäßige Kontrolle rheumatischer Beschwerden ist entscheidend, um eine wirksame Therapie frühzeitig einzuleiten und das Fortschreiten der Erkrankung zu verhindern. Dieser Artikel basiert auf HAUSARZT PRAXIS 2020 und erklärt, warum die Anwendung der ACR-/EULAR-Kriterien und die Unterscheidung zwischen verschiedenen Gelenkerkrankungen für die Prognose so wichtig sind.

Warum ist die Früherkennung bei rheumatischen Beschwerden so wichtig?

Rheumatische Beschwerden, insbesondere bei Verdacht auf eine Arthritis, sollten frühzeitig und regelmäßig anhand der sogenannten ACR-/EULAR-Kriterien beurteilt werden. Diese Kriterien sind von internationalen Fachgesellschaften entwickelt worden, um die Krankheitsaktivität objektiv zu bewerten und den optimalen Zeitpunkt für den Beginn einer krankheitsmodifizierenden Therapie nicht zu verpassen. Die Kontrolle der Krankheitsaktivität bereits im frühen Stadium einer rheumatischen Erkrankung kann die Prognose deutlich verbessern, da so das Risiko für bleibende Gelenkschäden und Funktionseinschränkungen reduziert wird. Besonders bei unspezifischen Beschwerden, die noch nicht eindeutig einer bestimmten rheumatischen Erkrankung zugeordnet werden können, ist eine engmaschige Beobachtung wichtig, um Veränderungen rechtzeitig zu erkennen.

Undifferenzierte rheumatische Erkrankungen: Was bedeutet das?

Der Begriff “undifferenzierte rheumatische Erkrankungen” beschreibt einen Zustand, bei dem zwar Symptome aus dem rheumatischen Formenkreis vorliegen, aber die offiziellen Klassifikationskriterien für eine bestimmte Erkrankung noch nicht vollständig erfüllt sind. Das bedeutet, dass die Beschwerden zwar auf eine rheumatische Erkrankung hindeuten, aber noch keine eindeutige Diagnose gestellt werden kann. Laut Prof. Dr. med. Pius Brühlmann von der Rheumaklinik Bethanien in Zürich ist es bei diesen Patienten besonders wichtig, die Symptome regelmäßig neu zu bewerten, sobald sich neue Krankheitszeichen zeigen. Meistens wenden sich Patienten mit neu auftretenden muskuloskelettalen Beschwerden (Beschwerden des Bewegungsapparates) zunächst an ihren Hausarzt. Der Hausarzt spielt eine zentrale Rolle im Management der frühen rheumatischen Erkrankungen, da er die ersten Hinweise erkennen und gegebenenfalls eine Überweisung zum Rheumatologen veranlassen kann.

Frühstadium der rheumatoiden Arthritis: Woran erkennt man die Erkrankung?

Im fortgeschrittenen Stadium ist die Diagnose einer rheumatoiden Arthritis meist eindeutig. Im Frühstadium kann sich die Erkrankung jedoch sehr unterschiedlich äußern: Die Symptome können diskret, untypisch oder sogar nur vorübergehend auftreten. Studien haben gezeigt, dass bestimmte Faktoren Hinweise darauf geben, ob aus einer frühen, undifferenzierten Arthritis eine chronische oder zerstörerische Gelenkerkrankung wird. Dazu gehören anamnestische Faktoren (wie Dauer und Ort der Beschwerden), klinische Befunde (zum Beispiel das Vorliegen und die Verteilung von Synovitiden – das sind Entzündungen der Gelenkschleimhaut) und serologische Befunde (Laborwerte wie Rheumafaktoren und Antikörper gegen cyclische citrullinierte Peptide). Die ACR-/EULAR-Klassifikationskriterien basieren auf diesen Risikofaktoren und ermöglichen eine frühzeitige Diagnose der rheumatoiden Arthritis. Ein Score von mindestens 6 Punkten gilt als Nachweis für eine rheumatoide Arthritis. Bei einem Score von 5 ist das Risiko erhöht, dass sich später eine rheumatoide Arthritis entwickelt, aber eine eindeutige Klassifikation ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht möglich.

Arthritis oder Arthrose? Die richtige Unterscheidung ist entscheidend

Ein wichtiger Schritt in der Diagnostik ist die Unterscheidung zwischen Arthritis (Gelenkentzündung) und Arthralgie (Gelenkschmerzen ohne Entzündung). Ein typisches Zeichen für eine Arthritis ist eine tastbare, weiche und elastische Schwellung des Gelenks, die durch einen Erguss (Flüssigkeitsansammlung) oder eine entzündliche Verdickung der Gelenkschleimhaut (Synovitis oder Synovialitis) entsteht. Diese Schwellung geht meist mit Schmerzen und einer Morgensteifigkeit der Gelenke einher. Die S3-Leitlinie zum Management der frühen rheumatoiden Arthritis betont, dass die Wahrscheinlichkeit für die Entwicklung einer rheumatoiden Arthritis mit der Anzahl der betroffenen Gelenke, deren Verteilung auf die vier Extremitäten und einer Morgensteifigkeit von mehr als 30 Minuten steigt. Im Gegensatz dazu sind bei der Arthrose die Beschwerden meist belastungs- und bewegungsabhängig und treten nach Ruhephasen als sogenannte Anlaufschmerzen auf. Arthritis kann auch in Ruhe Beschwerden verursachen. Veränderungen an den Fingerendgelenken, Daumensattelgelenken und Großzehengrundgelenken sind meist durch Arthrose bedingt und werden bei der Beurteilung nach den neuen Klassifikationskriterien für die rheumatoide Arthritis nicht berücksichtigt.

Krankheitsmodifizierende Basistherapie: Wie schützt sie die Gelenke?

Die Entzündung der Gelenke bei rheumatoider Arthritis führt nicht nur zu Schmerzen, Schwellungen und Bewegungseinschränkungen, sondern kann unbehandelt zu einer fortschreitenden Zerstörung der Gelenke führen. Die Basistherapie besteht aus langfristig wirkenden Antirheumatika, deren Wirkung erst nach mehreren Wochen bis Monaten eintritt. Diese Medikamente werden als “disease-modifying-anti-rheumatic drugs” (DMARDs) bezeichnet. Sie beeinflussen das Immunsystem und die Entzündungsprozesse, verlangsamen oder stoppen im besten Fall die Krankheitsaktivität und lindern so die Symptome. Es gibt verschiedene Arten von DMARDs: konventionelle krankheitsmodifizierende Substanzen (csDMARDs), Biologika und Biosimilars (bDMARDs) sowie teilsynthetische DMARDs (tsDMARDs). Studien zeigen, dass eine rasche Kontrolle der Krankheitsaktivität durch einen frühzeitigen Therapiebeginn mit DMARDs die Prognose deutlich verbessert. Das bedeutet, dass eine enge Zusammenarbeit verschiedener Fachrichtungen notwendig ist, um Krankheitssignale frühzeitig zu erkennen und die Indikation für eine krankheitsmodifizierende Therapie rechtzeitig zu stellen.

Mirjam Peter, M.Sc.

Quellen

  1. Brühlmann P: Undifferenzierte Erkrankungen in der Rheumatologie. Dr. med. Pius Brühlmann, FOMF Update Refresher (Livestream), 26.06.2020.
  2. Combe B, et al.: Annals of the rheumatic diseases 2017; 76: 948–959
  3. Emery P, et al.: Annals of the rheumatic diseases 2002; 61: 290–297.
  4. Radner H, et al.: Arthritis Research & Therapy 2014; 16: Article number: R56.
  5. Schneider M, et al.: Leitlinie zum Management der frühen rheumatoiden Arthritis. Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie 4. Auflage, Letzte inhaltliche Anpassung: 18.12.2019, gültig bis 17.12.2024.
  6. van Nies JA, et al.: Ann Rheum Dis 2015; 74: 806–812.
  7. Emery P:  Br J Rheumatol 1995; 34(Suppl 2): 87–90..
  8. Machold KP, et al.: J Rheumatol Suppl 1998; 53: 13–19.
  9. van der Helm-van Mil AHM, et al.: Arthritis Rheum 2007; 56: 433–440
  10. van der Helm-van Mil AHM, et al.: Arthritis Rheum 2008; 58: 2241–2247.
  11. Visser H, et al.: Arthritis Rheum 2002; 46: 357–365.
  12. Aletaha D, et al: Ann Rheum Dis 2010; 69: 1580–1588.

Colitis ulcerosa ist eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung, die für Betroffene mit erheblichen Beschwerden und einem erhöhten Darmkrebsrisiko verbunden sein kann. Immer mehr Patienten interessieren sich für pflanzliche Arzneimittel als Ergänzung oder Alternative zur Standardtherapie. Dieser Artikel basiert auf der systematischen Übersichtsarbeit von Iyengar P et al. (2024) und erklärt, welche pflanzlichen Präparate bei aktiver Colitis ulcerosa untersucht wurden, wie sie wirken und worauf Patienten achten sollten.

Colitis ulcerosa: Symptome, Ursachen und aktuelle Therapie

Die Colitis ulcerosa (CU) ist eine Form der chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (CED), die durch wiederkehrende Entzündungen der Schleimhaut im Dickdarm (Kolon) gekennzeichnet ist. Zu den typischen Symptomen zählen anhaltender Durchfall, Bauchschmerzen, rektale Blutungen (Blut im Stuhl), Gewichtsverlust und Müdigkeit. Zusätzlich können sogenannte extraintestinale Manifestationen auftreten, das heißt Beschwerden außerhalb des Darms wie Gelenkschmerzen, Hautveränderungen oder Augenentzündungen. Ein weiteres Risiko ist die erhöhte Wahrscheinlichkeit, im Verlauf der Erkrankung an Darmkrebs zu erkranken.

Die Ursachen der Colitis ulcerosa sind komplex und noch nicht vollständig geklärt. Es wird angenommen, dass eine Kombination aus genetischer Veranlagung und Umweltfaktoren zu einer Fehlregulation des Immunsystems führt. Dabei kommt es zu einer übermäßigen Aktivierung von Entzündungszytokinen (Botenstoffe, die Entzündungen fördern), einem Ungleichgewicht zwischen regulatorischen und Effektor-T-Zellen (verschiedene Arten von Immunzellen) sowie einer Dysbiose der Darmmikrobiota (Störung des natürlichen Gleichgewichts der Darmbakterien).

Die Standardtherapie der CU zielt darauf ab, die Entzündungsreaktionen zu unterdrücken, die Symptome zu lindern und eine Remission (Beschwerdefreiheit) zu erreichen. Zu den häufig eingesetzten Medikamenten gehören Aminosalicylate (z. B. Mesalazin), Immunsuppressiva (z. B. Azathioprin) und Biologika (biotechnologisch hergestellte Antikörper). Trotz dieser modernen Therapien leiden viele Patienten weiterhin unter Krankheitsschüben, und etwa 15% müssen sich im Verlauf einer teilweisen oder vollständigen Kolektomie (Entfernung des Dickdarms) unterziehen. Immunsuppressive Medikamente erhöhen zudem das Risiko für Infektionen und bestimmte Krebsarten.

Pflanzliche Arzneimittel: Motivation, Anwendung und Herausforderungen

Viele Patienten mit Colitis ulcerosa sind mit der Wirkung oder den Nebenwirkungen der Standardtherapie unzufrieden und suchen nach alternativen oder ergänzenden Behandlungsmöglichkeiten. Pflanzliche Arzneimittel sind dabei eine der am häufigsten genutzten Formen der komplementären Medizin. Studien zeigen, dass zwischen 19% und 54% der CU-Patienten pflanzliche Präparate verwenden. Häufig werden diese Mittel jedoch nicht mit dem behandelnden Arzt besprochen, was die Beratung und die Einschätzung möglicher Wechselwirkungen erschwert.

Ein Problem bei pflanzlichen Arzneimitteln ist, dass die wissenschaftliche Evidenz für ihre Wirksamkeit und Sicherheit oft begrenzt ist. Viele Ärzte verfügen nicht über ausreichende Informationen oder klinische Daten, um eine fundierte Empfehlung geben zu können. Die bisherige Forschung konzentrierte sich häufig auf die am weitesten verbreiteten Präparate, schloss aber oft auch Patienten in Remission (ohne akute Beschwerden) oder Beobachtungsstudien ohne Kontrollgruppe ein. Das erschwert die Bewertung der tatsächlichen Wirksamkeit bei aktiver Erkrankung.

Die hier vorgestellte systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse hat sich daher gezielt auf randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) konzentriert, die die Wirksamkeit pflanzlicher Arzneimittel bei aktiver Colitis ulcerosa untersuchen. Ziel war es, eine möglichst verlässliche Einschätzung zu ermöglichen, welche pflanzlichen Präparate tatsächlich einen Nutzen bringen könnten.

Studienübersicht: Welche pflanzlichen Arzneimittel wurden untersucht?

Für die systematische Übersichtsarbeit wurden verschiedene medizinische Datenbanken (Medline, EMBASE, Cochrane Library, Web of Science) bis September 2022 durchsucht. Die Suchstrategie umfasste Begriffe wie „Colitis ulcerosa“, „pflanzliche Arzneimittel“, „Pflanzenextrakte“ und „randomisierte kontrollierte Studien“. Eingeschlossen wurden Studien, die folgende Kriterien erfüllten: (1) Untersuchung von Patienten mit aktiver Colitis ulcerosa (leicht, mittelschwer oder schwer), (2) prospektive kontrollierte Studien mit Placebo- oder Standardtherapie-Vergleich, (3) Intervention mit einem pflanzlichen Arzneimittel.

Ausgeschlossen wurden Studien an Tieren, Untersuchungen bei Patienten in Remission, Fallberichte, Fallserien, narrative Übersichten oder biochemische Modellstudien. Die wichtigsten Endpunkte waren die klinische Remission (Beschwerdefreiheit) und das klinische Ansprechen (Verbesserung der Symptome). Sekundäre Endpunkte umfassten die endoskopische Ansprechrate (Verbesserung bei Darmspiegelung), endoskopische Remission und die Sicherheit der Anwendung. Die Studienauswahl erfolgte durch zwei unabhängige Gutachter, bei Unstimmigkeiten entschied ein dritter Experte.

Insgesamt wurden 1227 potenzielle Studien identifiziert, von denen 28 RCTs mit insgesamt 18 verschiedenen pflanzlichen Arzneimitteln die Einschlusskriterien erfüllten. Die wichtigsten Ergebnisse dieser Meta-Analyse werden im Folgenden vorgestellt.

Curcuma longa (Kurkuma): Wirkung, Studienlage und Sicherheit

Curcuma longa, besser bekannt als Kurkuma, ist ein aus der Wurzel der Kurkumapflanze gewonnenes pflanzliches Arzneimittel, das seit Jahrhunderten in der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) und der ayurvedischen Medizin verwendet wird. Kurkuma ist für seine entzündungshemmenden, antioxidativen und antikarzinogenen (krebshemmenden) Eigenschaften bekannt. In der Meta-Analyse wurden acht randomisierte kontrollierte Studien identifiziert, die die Wirkung von Kurkuma bei aktiver Colitis ulcerosa untersuchten.

In vier dieser Studien wurde Kurkuma als Zusatztherapie zu Mesalazin eingesetzt. Die Ergebnisse zeigten signifikante Vorteile bei der klinischen Remission und beim endoskopischen Ansprechen im Vergleich zu Placebo. So berichtete beispielsweise die Studie von Banerjee et al. (2021), dass 44% der Patienten, die Kurkuma zusätzlich zu Mesalazin erhielten, nach sechs Wochen in klinischer Remission waren, während in der Placebo-Gruppe kein Patient diesen Zustand erreichte (p<0,01). Auch die endoskopische Remission (Heilung der Darmschleimhaut bei der Darmspiegelung) wurde in der Kurkuma-Gruppe deutlich häufiger beobachtet (35,3% vs. 0%; p<0,001).

Eine Meta-Analyse von sechs Kurkuma-Studien bestätigte diese Ergebnisse: Die Rate klinischer Remissionen war mit Kurkuma signifikant höher (RR 2,58; 95%-Konfidenzintervall 1,18–5,63), ebenso das endoskopische Ansprechen (RR 1,56; 95%-Konfidenzintervall 1,08–2,26). Die Nebenwirkungen waren insgesamt gering und beschränkten sich meist auf leichte Magen-Darm-Beschwerden wie Blähungen oder Übelkeit. Schwere unerwünschte Ereignisse wurden in keiner der Studien berichtet, was auf eine gute Verträglichkeit von Kurkuma hindeutet.

Die antioxidativen und entzündungshemmenden Eigenschaften von Kurkuma könnten eine wichtige Rolle bei der Verbesserung der Darmschleimhaut und der Reduktion von Entzündungen spielen. Die Ergebnisse legen nahe, dass Kurkuma in Kombination mit Mesalazin als wirksame Zusatztherapie bei aktiver Colitis ulcerosa eingesetzt werden könnte. Dennoch sollten Patienten die Einnahme immer mit ihrem behandelnden Arzt besprechen, um mögliche Wechselwirkungen oder individuelle Risiken zu berücksichtigen.

Indigo naturalis und Andrographis paniculata: Chancen und Risiken

Indigo naturalis ist ein traditionelles Heilmittel der chinesischen Medizin, das aus verschiedenen Pflanzenarten gewonnen wird. In der Meta-Analyse wurden zwei randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt 87 Patienten ausgewertet. Die Ergebnisse zeigten eine signifikant höhere klinische Ansprechrate in der Indigo-naturalis-Gruppe im Vergleich zu Placebo (RR 3,70; 95%-Konfidenzintervall 1,97–6,95). Auch kleinere Beobachtungsstudien unterstützen diese Ergebnisse und deuten darauf hin, dass Indigo naturalis bei aktiver Colitis ulcerosa wirksam sein könnte.

Allerdings gibt es Berichte über schwerwiegende Nebenwirkungen wie pulmonale Hypertonie (erhöhter Blutdruck in den Lungengefäßen) und Leberschäden. In einer japanischen Studie entwickelten elf Patienten eine pulmonale Hypertonie, die sich nach Absetzen des Präparats jedoch wieder zurückbildete. Aufgrund dieser Risiken sollte Indigo naturalis nur unter ärztlicher Aufsicht und mit regelmäßiger Kontrolle angewendet werden, bis weitere Sicherheitsdaten vorliegen.

Andrographis paniculata ist ein in der ayurvedischen Medizin häufig verwendetes Kraut, das ebenfalls auf seine Wirkung bei Colitis ulcerosa untersucht wurde. Zwei randomisierte kontrollierte Studien fanden jedoch keine signifikanten Unterschiede im klinischen Ansprechen (RR 0,95; 95%-Konfidenzintervall 0,71–1,26) oder in der klinischen Remission (RR 1,31; 95%-Konfidenzintervall 0,86–2,01) im Vergleich zu Placebo. Das deutet darauf hin, dass die derzeit verwendeten Dosierungen möglicherweise nicht ausreichend sind, um eine therapeutische Wirkung zu erzielen. Immerhin wurden keine schwerwiegenden Nebenwirkungen berichtet, was für eine gute Verträglichkeit spricht.

Insgesamt zeigt die systematische Übersichtsarbeit, dass Curcuma longa das größte Potenzial als ergänzende Therapie zur Standardbehandlung bei aktiver Colitis ulcerosa hat. Für Indigo naturalis und Andrographis paniculata sind weitere Studien notwendig, um Wirksamkeit und Sicherheit besser beurteilen zu können.

Was bedeuten die Ergebnisse für Patienten?

Die Ergebnisse der systematischen Übersichtsarbeit und Meta-Analyse zeigen, dass pflanzliche Arzneimittel eine vielversprechende Ergänzung zur Standardtherapie bei aktiver Colitis ulcerosa sein können, insbesondere Curcuma longa. Die Studienlage spricht dafür, dass Kurkuma in Kombination mit Mesalazin die Chancen auf eine klinische Remission und eine Heilung der Darmschleimhaut erhöhen kann. Die Verträglichkeit ist insgesamt gut, schwere Nebenwirkungen wurden nicht beobachtet.

Bei Indigo naturalis gibt es Hinweise auf eine Wirksamkeit, jedoch auch auf potenziell schwerwiegende Nebenwirkungen. Patienten, die Indigo naturalis einnehmen möchten, sollten dies nur unter ärztlicher Kontrolle tun und auf mögliche Symptome wie Atemnot oder Leberbeschwerden achten. Für Andrographis paniculata konnte bislang kein klarer Nutzen nachgewiesen werden, die Verträglichkeit scheint aber gut zu sein.

Wichtig ist, dass Patienten die Einnahme pflanzlicher Arzneimittel immer mit ihrem behandelnden Arzt besprechen. Nur so können mögliche Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten, individuelle Risiken und die richtige Dosierung berücksichtigt werden. Die wachsende Beliebtheit pflanzlicher Präparate macht es notwendig, dass Ärzte und Patienten gemeinsam fundierte Entscheidungen treffen.

Die Autoren der Übersichtsarbeit betonen, dass weitere groß angelegte, gut konzipierte klinische Studien notwendig sind, um die Wirksamkeit und Sicherheit pflanzlicher Arzneimittel bei Colitis ulcerosa noch besser zu verstehen. Nur so können diese Präparate in Zukunft gezielt und sicher in die klinische Praxis integriert werden.

Fazit: Pflanzliche Arzneimittel als Ergänzung bei Colitis ulcerosa

Pflanzliche Arzneimittel gewinnen bei der Behandlung der aktiven Colitis ulcerosa zunehmend an Bedeutung. Besonders Curcuma longa (Kurkuma) hat sich in mehreren hochwertigen Studien als wirksame und gut verträgliche Zusatztherapie zur Standardbehandlung erwiesen. Die antioxidativen und entzündungshemmenden Eigenschaften von Kurkuma könnten dabei helfen, die Darmschleimhaut zu schützen und Entzündungen zu reduzieren.

Indigo naturalis zeigt ebenfalls vielversprechende Ergebnisse, allerdings sind die potenziellen Nebenwirkungen wie pulmonale Hypertonie und Leberschäden ernst zu nehmen. Hier ist eine sorgfältige ärztliche Überwachung unerlässlich. Für Andrographis paniculata gibt es bislang keine überzeugenden Belege für eine Wirksamkeit bei Colitis ulcerosa, die Verträglichkeit scheint aber gut zu sein.

Patienten sollten sich bewusst sein, dass pflanzliche Arzneimittel nicht automatisch sicher oder frei von Nebenwirkungen sind. Eine offene Kommunikation mit dem behandelnden Arzt ist entscheidend, um die bestmögliche Behandlung zu gewährleisten. Die aktuelle Studienlage ist vielversprechend, aber es besteht weiterhin Forschungsbedarf. In Zukunft könnten pflanzliche Arzneimittel eine noch größere Rolle in der Therapie der Colitis ulcerosa spielen – vorausgesetzt, ihre Wirksamkeit und Sicherheit werden durch weitere Studien bestätigt.

Quellen

  1. Iyengar P, Godoy-Brewer G, Maniyar I, et al.: Herbal Medicines for the Treatment of Active Ulcerative Colitis: A Systematic Review and Meta-Analysis. Nutrients. 2024 Mar 23;16(7): 934. doi: 10.3390/nu16070934. PMID: 38612967; PMCID: PMC11013716.

Durchfall, Bauchschmerzen, Fieber und Gewichtsverlust sind Beschwerden, die viele Patientinnen und Patienten mit Morbus Crohn kennen. Doch Vorsicht: Hinter diesen Symptomen kann sich auch eine Darmtuberkulose verbergen. Die richtige Diagnose ist entscheidend, denn eine falsche Therapie kann schwerwiegende Folgen haben. Dieser Artikel basiert auf GASTROENTEROLOGIE PRAXIS und erklärt, worauf Sie achten sollten.

Wenn Symptome täuschen: Morbus Crohn oder Darmtuberkulose?

Viele Menschen denken bei anhaltendem Durchfall, Bauchschmerzen, Fieber und ungewolltem Gewichtsverlust zunächst an Morbus Crohn, eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung (CED). Doch diese Beschwerden sind nicht eindeutig und können auch auf eine Darmtuberkulose (kurz: Darm-Tbc) hinweisen. In der Schweiz erkranken jährlich etwa 550 Menschen an Tuberkulose (Tbc), das entspricht einer Inzidenz von 6,5 Fällen pro 100.000 Einwohner. Die meisten Betroffenen stammen aus dem Ausland, und in rund 70% der Fälle ist die Lunge befallen. Allerdings kann Tuberkulose grundsätzlich jedes Organ betreffen, auch den Darm. Besonders schwierig ist die Unterscheidung zur CED wie Morbus Crohn, da die Symptome oft nahezu identisch sind. Eine genaue Abklärung ist deshalb unerlässlich, um die richtige Behandlung einzuleiten und Komplikationen zu vermeiden.

Ein Fallbeispiel: Verwechslung mit Morbus Crohn

Zur Veranschaulichung schilderten Thomas Calixte und Kolleginnen einen Fall aus der Inneren Medizin am CHUV in Lausanne: Ein 48-jähriger Patient türkischer Herkunft erhielt nach zwei Monaten Beschwerden die Diagnose Morbus Crohn. Bereits ein Jahr zuvor litt er unter Durchfall, Asthenie (körperliche Schwäche), einem Gewichtsverlust von 15 kg und Nachtschweiß. Bei einer Ileokoloskopie (Spiegelung des letzten Dünndarmabschnitts und des Dickdarms) zeigten sich zwei Ulzera (Geschwüre) mit rotem Rand im terminalen Ileum (letzter Abschnitt des Dünndarms) und ein Ulkus im Caecum (Blinddarm) mit leicht geröteter Schleimhaut. Aufgrund dieser Befunde wurde eine Kortikosteroidtherapie begonnen, gefolgt von Azathioprin (ein Immunsuppressivum), nachdem ein γ-Interferon-Test negativ ausgefallen war. Als sich jedoch Husten und sogenannte B-Symptome (wie Nachtschweiß und Gewichtsverlust) verschlechterten, wurde eine Thorax-CT (Computertomographie des Brustkorbs) durchgeführt. Diese zeigte mehrere Kavernen (Hohlräume) im linken oberen Lungenlappen. Ein PCR-Test (Polymerase-Kettenreaktion, ein empfindliches Nachweisverfahren für Erreger-DNA) auf Mycobacterium tuberculosis im Sputum (Auswurf) war positiv und bestätigte die Diagnose einer Lungentuberkulose. Da die Verdauungsbeschwerden weiterhin bestanden, wurde auch eine Darmtuberkulose in Betracht gezogen und durch einen PCR-Test auf M. tuberculosis in zuvor entnommenen Biopsien aus dem Ileozäkalbereich (Übergang zwischen Dünn- und Dickdarm) bestätigt.

Wie entsteht Darmtuberkulose und welche Regionen sind betroffen?

Die intestinale Tuberkulose (Befall des Darms durch Tuberkulosebakterien) entsteht meist durch das Verschlucken von mit M. tuberculosis kontaminiertem Sputum, wenn gleichzeitig eine Lungentuberkulose vorliegt. Seltener erfolgt die Ausbreitung über das Blut (hämatogen), das Lymphsystem oder durch direkten Kontakt. Besonders häufig ist die Ileozäkalregion betroffen – in etwa 65% der Fälle. Das liegt daran, dass dieser Abschnitt des Darms eine langsame Passagezeit und viele Lymphfollikel (Abwehrzellen) besitzt, was die Ansiedlung der Bakterien begünstigt. Neben Verdauungsbeschwerden können bei fortgeschrittener Erkrankung auch Atemwegssymptome wie Husten, blutiges Sputum oder Atemnot (Dyspnoe) auftreten, wenn die Lunge mitbeteiligt ist.

Diagnose: So wird Darmtuberkulose festgestellt

Die Diagnose einer Darmtuberkulose ist anspruchsvoll, weil die Symptome so unspezifisch sind. Laut der World Gastroenterology Organisation (WGO) kann die Diagnose gestellt werden, wenn eines der folgenden Kriterien erfüllt ist: Erstens, der Nachweis von M. tuberculosis in Gewebekulturen (z.B. aus Kolonbiopsien oder Lymphknoten). Zweitens, ein positiver PCR-Test auf M. tuberculosis. Drittens, der histologische Nachweis (mikroskopische Untersuchung von Gewebe) typischer säure- und alkoholfester Stäbchen (Bakterien, die nach spezieller Färbung sichtbar werden; diese Färbung nennt man Ziehl-Neelsen-Färbung), wobei der Befund durch einen PCR-Test bestätigt werden sollte. Viertens, der Nachweis von käsigen Granulomen (spezielle Entzündungsherde im Gewebe, typisch für Tuberkulose), ebenfalls mit PCR-Bestätigung. Routinemäßige Laboruntersuchungen sind meist wenig aussagekräftig. Der γ-Interferon-Test wird vor allem als Screening vor einer Immunsuppression eingesetzt, kann aber allein keine aktive Tuberkulose beweisen. Radiologische Hinweise wie eine Beteiligung der Ileozäkalregion, eine kurze betroffene Darmstrecke (1 cm) können die Diagnose unterstützen.

Die Endoskopie (Spiegelung des Darms) liefert oft keine eindeutigen Hinweise, ermöglicht aber die Entnahme von Biopsien für die feingewebliche Untersuchung. Der Nachweis säure- und alkoholfester Stäbchen oder käsiger Granulome im Biopsat, insbesondere aus der Ileozäkalregion, ist laut WGO ein wichtiger Hinweis. Allerdings ist die Sensitivität (Trefferquote) dieser Methode mit etwa 68% begrenzt, es besteht also ein Risiko für falsch-negative Ergebnisse. Daher wird empfohlen, mindestens 8–10 Biopsien zu entnehmen, um die Wahrscheinlichkeit eines Nachweises zu erhöhen. Auch die Kultur der Bakterien aus Gewebeproben ist wenig sensitiv (10–35%). Ein PCR-Test auf den M.-tuberculosis-Komplex ist bei Verdacht auf Tuberkulose besonders hilfreich: Die Sensitivität auf Ileumbiopsaten liegt bei bis zu 65%, die Spezifität (Treffsicherheit) ist mit 93–100% sehr hoch. Ein negativer PCR-Test schließt eine Darmtuberkulose jedoch nicht sicher aus. Der mikroskopische Nachweis säure- und alkoholfester Stäbchen ist sehr spezifisch (100%), aber wenig sensitiv (17,3–31%). Die WHO empfiehlt deshalb bei Verdacht auf Tuberkulose einen PCR-Test auf den M.-tuberculosis-Komplex.

Behandlung und Prognose: Gute Aussichten bei richtiger Therapie

Wird eine Darmtuberkulose nicht erkannt oder unzureichend behandelt, können schwerwiegende Komplikationen wie Darmobstruktion (Verschluss des Darms, bei etwa 24% der Fälle), Perforationen (Durchbrüche), Stenosen (Verengungen), Fisteln (unnatürliche Verbindungen zwischen Darmabschnitten) und Blutungen auftreten. Das erhöht die Morbidität (Krankheitslast) und Mortalität (Sterblichkeit). Die Standardtherapie besteht aus einer initialen Vierfachtherapie über zwei Monate mit Rifampicin, Isoniazid, Ethambutol und Pyrazinamid (alle vier Medikamente wirken gegen M. tuberculosis), gefolgt von einer Zweifachtherapie mit Rifampicin und Isoniazid über weitere vier Monate. Die Heilungschancen sind bei frühzeitiger und korrekter Behandlung sehr gut. Eine genaue Diagnostik ist wichtig, um unnötige Operationen zu vermeiden. Da die Aufnahme der Medikamente im entzündeten Darm gestört sein kann (Malabsorption), empfiehlt sich die Überwachung der Wirkstoffkonzentrationen im Blut, um eine Über- oder Unterdosierung zu vermeiden.

Jens Dehn

Quellen

  1. Calixte T, Konascha A, von Garnier C, et al.: Darm­tuberkulose: Die grosse Imitatorin. Swiss Medical Forum 2023; 23(44): 1404–1407; doi: 10.4414/smf.2023.1265460377.

Patienten mit chronischer eosinophiler Pneumonie (CEP) werden meist mit systemischen Kortikosteroiden behandelt. Doch bei zusätzlichen Erkrankungen wie einer Leberzirrhose können diese Medikamente problematisch sein. Dieser Artikel basiert auf aktuellen Erkenntnissen aus Frontiers in Medicine und zeigt, wie Tezepelumab als neue Therapieoption bei CEP und gleichzeitiger Leberzirrhose eingesetzt werden kann.

CEP und Asthma: Wenn mehrere Erkrankungen zusammentreffen

Die chronische eosinophile Pneumonie (CEP) ist eine seltene Lungenerkrankung, bei der sich bestimmte weiße Blutkörperchen, die sogenannten Eosinophilen (eine Untergruppe der Immunzellen, die bei Allergien und Entzündungen eine Rolle spielen), in der Lunge ansammeln. Häufig tritt CEP gemeinsam mit Asthma bronchiale auf, einer chronischen Entzündung der Atemwege, die zu Husten, Atemnot und Keuchen führen kann. Die Standardtherapie bei CEP sind orale Kortikosteroide (OCS), also Medikamente, die das Immunsystem unterdrücken und Entzündungen hemmen. Studien belegen, dass OCS bei CEP sehr wirksam sind. Doch wenn Patienten zusätzlich an einer Leberzirrhose (LC, eine fortgeschrittene Vernarbung der Leber) leiden, wird die Behandlung komplizierter: Die Leber ist für den Abbau vieler Medikamente, darunter auch Kortikosteroide, zuständig. Bei einer schweren Leberzirrhose ist dieser Abbau gestört. Kortikosteroide können die Leberfunktion weiter verschlechtern und das Risiko für eine Bewusstseinsstörung (hepatische Enzephalopathie, eine Funktionsstörung des Gehirns durch Leberversagen) erhöhen, da sie die Menge an Ammoniak (NH3) im Blut steigern können. Daher ist es bei Patienten mit Leberzirrhose besonders wichtig, die Nebenwirkungen von Kortikosteroiden zu minimieren und alternative Therapien zu erwägen.

Ein besonderer Fall: CEP, Asthma und Leberzirrhose bei einer Patientin

Japanische Ärzte berichteten kürzlich über eine 71-jährige Patientin, die an Asthma, CEP und Leberzirrhose litt. Die Frau stellte sich mit seit zwei Monaten bestehendem Husten, Auswurf, Atemnot und einer verminderten Sauerstoffsättigung (SpO2, Messwert für den Sauerstoffgehalt im Blut) von 92% vor. Die Symptome waren schwerwiegend: Der Asthmakontrolltest ergab nur 6 Punkte (niedrige Werte zeigen eine schlechte Kontrolle an), und der Asthmakontroll-Questionnaire-Score lag bei 5,2 Punkten. Bei der Auskultation (Abhören der Lunge mit dem Stethoskop) war beidseitig ein Keuchen zu hören, was auf eine Verengung der Atemwege hindeutet.

Die Laborwerte zeigten normale Leukozyten (weiße Blutkörperchen), aber eine deutliche Eosinophilie (erhöhte Anzahl an Eosinophilen) von 1200 Zellen/μl (20,7%). Die Thrombozyten (Blutplättchen) waren mit 9,3 Zellen/μl vermindert, die Prothrombinaktivität (ein Wert für die Blutgerinnung) lag bei 66%, und das Albumin (ein wichtiges Bluteiweiß) bei 3,3 g/dl. Die Leberwerte waren auffällig: Das Gesamtbilirubin betrug 3,05 mg/dl, das direkte Bilirubin 1,11 mg/dl, das indirekte Bilirubin 1,94 mg/dl, die alkalische Phosphatase 158 U/l und das Ammoniak (NH3) 43 μg/dl. Im Sputum (Auswurf) wurden unter dem Mikroskop durchschnittlich 10–20 Eosinophile pro Sichtfeld gefunden.

Diagnostik: Bildgebung und Lungenfunktion

Die Röntgenaufnahme des Brustkorbs zeigte Infiltrationsschatten (Bereiche mit erhöhter Dichte, die auf Entzündungen oder Flüssigkeit hindeuten) in den rechten oberen und unteren Lungenfeldern. Die Computertomografie (CT) des Brustkorbs bestätigte beidseitige Infiltrationsschatten, besonders in den Oberlappen, die sich auf die Unterlappen ausdehnten. Zusätzlich zeigte die CT der Nebenhöhlen eine beidseitige Sinusitis (Entzündung der Nasennebenhöhlen). Die Spirometrie (Lungenfunktionstest) ergab eine schwere Obstruktion: Die Einsekundenkapazität (FEV1, das Volumen, das in einer Sekunde ausgeatmet werden kann) lag bei 0,90 l/s, was 50,8% des Sollwerts entspricht. Der fraktionierte Gehalt an ausgeatmetem Stickstoffmonoxid (FeNO, ein Marker für Entzündungen in den Atemwegen) war mit 91 ppb deutlich erhöht. Aufgrund des Risikos einer Bewusstseinsstörung nach Narkose wurde auf eine Bronchoskopie (Spiegelung der Atemwege) verzichtet.

Therapieansatz: Tezepelumab als Alternative zu Kortikosteroiden

Die behandelnden Ärzte entschieden sich für eine Kombinationstherapie: Die Patientin erhielt Prednisolon (ein Kortikosteroid) in niedriger Dosierung (10 mg/Tag), inhaliertes Fluticasonfuroat/Vilanterol (FF/VI, eine Kombination aus inhalativem Kortikosteroid und langwirksamem Beta-2-Agonisten) mit 200/25 μg/Tag und zusätzlich den TSLP-Inhibitor Tezepelumab (210 mg/Monat). Tezepelumab ist ein sogenanntes Biologikum, das gezielt einen Entzündungsbotenstoff (TSLP, thymisches stromales Lymphopoietin) blockiert, der bei Asthma und CEP eine Rolle spielt. Bereits nach 10 Tagen besserten sich die Asthmasymptome deutlich. Nach einem Monat waren die Infiltrationsschatten in der Lunge verschwunden. Die Dosis des oralen Kortikosteroids wurde daraufhin auf 3 mg/Tag reduziert. Nach zwei Monaten verbesserten sich die Asthmasymptome, die Lungenfunktion, die Zahl der Eosinophilen im Blut und der FeNO-Wert weiter. Allerdings stieg der NH3-Wert von 43 μg/dl auf 75 μg/dl an, was das Risiko für eine hepatische Enzephalopathie erhöhte. Daher setzten die Ärzte das Kortikosteroid ab und führten die Therapie nur mit FF/VI und Tezepelumab fort. Einen Monat nach Absetzen der OCS war der NH3-Wert wieder auf 43 μg/dl gesunken, die Asthmasymptome blieben stabil, und es kam zu keinem Rückfall der CEP. Auch die Sinusitis besserte sich deutlich.

Risiken und Vorteile der Therapie bei Leberzirrhose

Die empfohlene Anfangsdosis für OCS bei CEP beträgt normalerweise 0,5 mg/kg Körpergewicht. Im vorliegenden Fall wurde die Situation jedoch durch die unkompensierte Leberzirrhose erschwert. Die Autoren betonen, dass OCS bei Patienten mit Leberzirrhose mehr schaden als nutzen können: Sie verschlechtern die Leberfunktion und erhöhen das Risiko für Koma, Infektionen, Diabetes und Blutungen im Magen-Darm-Trakt, insbesondere durch Krampfadern (Varizen) in der Speiseröhre und im Magen. Deshalb wurde die OCS-Dosis reduziert und frühzeitig auf Biologika wie Tezepelumab umgestellt. Frühere Studien zur Langzeitsicherheit von Tezepelumab zeigten keine negativen Auswirkungen auf die Leberfunktion oder die Leberenzyme, sodass das Risiko für Leberschäden als gering eingeschätzt wird.

Langzeitbeobachtung und Ausblick

Die japanische Patientin hatte zusätzlich Nasenpolypen (gutartige Wucherungen in der Nasenschleimhaut) und erhöhte Eosinophile, jedoch war der MPO-ANCA (ein Antikörper, der bei bestimmten Gefäßentzündungen vorkommt) negativ. Da es auch ANCA-negative Patienten mit eosinophiler Granulomatose mit Polyangiitis (EGPA, eine seltene Gefäßentzündung) gibt, ist eine sorgfältige Beobachtung notwendig. Bis fünf Monate nach Absetzen der OCS entwickelte die Patientin unter Tezepelumab keine EGPA. Die Autoren schlussfolgern, dass Tezepelumab eine vielversprechende Behandlungsoption für CEP sein kann, insbesondere bei Patienten mit Leberzirrhose, da das Risiko für Nebenwirkungen durch OCS deutlich reduziert wird.

Jens Dehn

Quellen

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Leberzirrhose ist eine schwere Erkrankung, bei der die Leber zunehmend vernarbt und ihre Funktionen verliert. Neue Forschungsergebnisse, die in diesem Artikel auf Basis von HAUSARZT PRAXIS und GASTROENTEROLOGIE PRAXIS vorgestellt werden, zeigen, wie moderne Multiomics-Analysen und innovative biotechnologische Reportersysteme wie EXSISERS helfen können, das Risiko für Komplikationen früh zu erkennen und gezielter zu behandeln.

Was ist Leberzirrhose und warum ist sie so gefährlich?

Leberzirrhose ist das Endstadium einer fortgeschrittenen chronischen Lebererkrankung, die auch als “advanced chronic liver disease” (ACLD) bezeichnet wird. Bei ACLD kommt es zu einer anhaltenden Schädigung der Leberzellen, was zu einer zunehmenden Narbenbildung (Fibrose) führt. Die Leber verliert dadurch nach und nach ihre lebenswichtigen Funktionen. Besonders gefährlich wird es, wenn eine akute Dekompensation (AD) auftritt. Das bedeutet, dass die Leber plötzlich nicht mehr in der Lage ist, ihre Aufgaben zu erfüllen, was zu schweren Komplikationen führen kann. Eine der gravierendsten Folgen ist das sogenannte “acute-on-chronic liver failure” (ACLF), das durch das Versagen weiterer Organe außerhalb der Leber (extrahepatisches Organversagen) und eine ausgeprägte systemische Entzündung gekennzeichnet ist. Patienten mit ACLF haben ein sehr hohes Risiko für Infektionen und eine hohe Sterblichkeit innerhalb kurzer Zeit.

Um die Prognose für Betroffene zu verbessern, ist es entscheidend, ACLF möglichst früh zu erkennen und gezielte diagnostische und therapeutische Maßnahmen einzuleiten. Hier setzen neue wissenschaftliche Ansätze an, die im Rahmen internationaler Forschungsprojekte, wie sie auf dem EASL-Kongress 2024 vorgestellt wurden, entwickelt wurden. Diese Projekte untersuchen, wie bestimmte Stoffwechselprodukte (Metaboliten) in Blut, Urin und Stuhl helfen können, Patienten mit erhöhtem Risiko für ACLF zu identifizieren.

Multiomics-Analysen: Wie Metaboliten zur Früherkennung beitragen

Die Gesamtheit aller kleinen Moleküle, die im Körper entstehen und im Blut, Urin oder Stuhl nachweisbar sind, wird als Metabolom bezeichnet. Die Untersuchung des Metaboloms erfolgt mit modernen Methoden wie Chromatographie, Massenspektrometrie oder Kernspinresonanz-Spektroskopie. Die Leber ist das zentrale Organ für den Stoffwechsel, weshalb Veränderungen im Metabolom oft frühzeitig auf eine Verschlechterung der Leberfunktion hinweisen können. In den letzten Jahren wurden sogenannte Multiomics-Ansätze entwickelt, bei denen verschiedene biologische Daten (z.B. Genom, Proteom, Metabolom) gemeinsam ausgewertet werden, um ein umfassendes Bild der Erkrankung zu erhalten.

Eine wichtige Studie von Dechaumet et al. untersuchte, ob die Analyse von Metaboliten in Urin- und Stuhlproben zusätzliche Informationen liefert, um Patienten mit dekompensierter Leberzirrhose besser zu charakterisieren. Dazu wurden Proben von 93 Patienten aus der MUCOSA-PREDICT-Kohorte gesammelt und mittels Flüssigchromatographie und hochauflösender Massenspektrometrie ausgewertet. Insgesamt konnten 402 verschiedene Metaboliten in den drei Matrizes (Serum, Urin, Stuhl) identifiziert werden.

Die Ergebnisse zeigten, dass die größte Anzahl von Metaboliten, deren Konzentration durch das Vorliegen eines ACLF beeinflusst wird, im Serum (Blut) nachweisbar war. Interessanterweise gab es aber auch Metaboliten im Urin und Stuhl, die im Serum nicht gefunden wurden, deren Konzentration aber ebenfalls durch ACLF verändert war. Die sogenannte ROC-Kurven-Analyse, ein statistisches Verfahren zur Bewertung der Aussagekraft von Biomarkern, ergab jedoch, dass die Metaboliten-Signatur im Serum am besten zwischen Patienten mit akuter Dekompensation und solchen mit ACLF unterscheiden kann. Dies ist klinisch bedeutsam, da sich beide Krankheitsbilder in ihren Symptomen überschneiden können, aber unterschiedliche Ursachen und Therapieansätze erfordern.

Die Erkenntnisse aus dieser Studie legen nahe, dass die Untersuchung von Metaboliten im Blut eine wertvolle Hilfe sein kann, um Patienten mit erhöhtem Risiko für ACLF frühzeitig zu erkennen. Dies könnte in Zukunft dazu beitragen, gezielter und schneller zu behandeln und so die Prognose zu verbessern.

Die Rolle der Darm-Leber-Achse und bakterielle Komplikationen

Die sogenannte Darm-Leber-Achse beschreibt die enge Verbindung zwischen Darm und Leber. Beide Organe stehen im ständigen Austausch von Zellen, Molekülen und Stoffwechselprodukten. Bei Leberzirrhose ist die Schleimhaut des Darms oft dünner als normal, was dazu führt, dass Bakterien leichter mit den Epithelzellen (Zellen, die die Oberfläche des Darms auskleiden) in Kontakt kommen können. Dadurch werden die Zellverbindungen geschwächt und Bakterien können in den Körper eindringen – ein Vorgang, der als bakterielle Translokation bezeichnet wird. Dieser Prozess spielt eine zentrale Rolle bei der Entstehung von Infektionen, die für Patienten mit Leberzirrhose besonders gefährlich sind.

Eine der häufigsten und schwerwiegendsten Komplikationen ist die spontane bakterielle Peritonitis. Dabei handelt es sich um eine Entzündung der Aszitesflüssigkeit (Bauchwasser), die ohne eine erkennbare äußere Ursache auftritt. Besonders häufig sind die Bakterien Escherichia coli, Klebsiella pneumoniae (beides gramnegative Bakterien) und Streptococcus pneumoniae (grampositiv) für diese Infektion verantwortlich. Die spontane bakterielle Peritonitis kann zu lebensbedrohlichen Komplikationen führen und erfordert eine schnelle Diagnose und Behandlung.

Die Forschung hat gezeigt, dass die Reaktion der Epithelzellen auf den Kontakt mit Bakterien eng mit bestimmten Proteinen zusammenhängt, insbesondere mit der sogenannten p53-Familie von Transkriptionsfaktoren. Diese Proteine steuern wichtige Prozesse wie den Zellzyklus (also das Wachstum und die Teilung von Zellen), Reparaturmechanismen bei Zellschäden und den programmierten Zelltod (Apoptose). In ihrer normalen (Wildtyp-)Form wirkt p53 als Tumorsuppressor, das heißt, es verhindert unkontrolliertes Zellwachstum und schützt vor Krebs. Veränderungen im TP53-Gen, das für p53 kodiert, können jedoch die Funktion dieses wichtigen Schutzmechanismus beeinträchtigen.

Das EXSISERS-Reportersystem: Neue Einblicke in die Zellreaktion bei Infektionen

Um die komplexen zellulären Abläufe bei bakteriellen Infektionen besser zu verstehen, wurde ein innovatives biotechnologisches Reportersystem namens EXSISERS entwickelt. Dieses System ermöglicht es, die Expression (also das Auftreten und die Menge) verschiedener p53-Isoformen$ in lebenden Zellen über längere Zeiträume präzise zu verfolgen. Isoformen$ sind unterschiedliche Varianten eines Proteins, die aus demselben Gen entstehen können und verschiedene Funktionen haben.

In der Studie von Ernst et al. wurden drei exonspezifische Intein-Luciferase-Reportersysteme (EXSISERS) in die Exons 2, 4 und 7 des TP53-Gens integriert. Exons sind Abschnitte eines Gens, die für die Bildung von Proteinen verantwortlich sind. Die Besonderheit des Systems liegt darin, dass gespaltene Inteine (spezielle Proteinabschnitte) die Abspaltung des Enzyms Luziferase vom p53-Polypeptid ermöglichen, ohne die Struktur der p53-Isoformen zu beeinträchtigen. Dadurch lässt sich das Verhältnis der verschiedenen p53-Protein-Isoformen auf zellulärer Ebene exakt messen.

Für die Experimente wurden HCT116-EXSISERS-Zellen mit Escherichia coli-Bakterien, die von Patienten stammten, zusammengebracht (co-kultiviert). Dabei wurden drei Hauptgruppen von p53-Isoformen untersucht: das Zellzyklus-Stillstand-induzierende p53 in voller Länge, das Zelltod-auslösende Δ40p53 und das pro-proliferative Δ133p53/Δ160p53. Gleichzeitig wurde der durch Bakterien ausgelöste Zelltod in Zellen mit normalem p53 (Wildtyp) und in Zellen ohne funktionsfähiges p53 (Knockout) gemessen. Zur genauen Bestimmung der Art des Zelltods kam die Elektronenmikroskopie zum Einsatz, mit der Veränderungen auf zellulärer Ebene sichtbar gemacht werden können.

Die Ergebnisse zeigten, dass bereits 15 Minuten nach Kontakt mit den Bakterien die Produktion der p53-Isoform Δ40p53, die den Zelltod fördert, deutlich anstieg. Im weiteren Verlauf nahm die Menge der pro-proliferativen Isoformen Δ133p53/Δ160p53 ab. Gleichzeitig wurde eine Form des programmierten Zelltods beobachtet, die Merkmale der Paraptose aufwies – darunter Schwellungen der Mitochondrien (die “Kraftwerke” der Zelle) und die Bildung von Vakuolen (Bläschen) im Zellinneren. Durchflusszytometrie, eine Methode zur Analyse von Zellbestandteilen, bestätigte Schäden an Mitochondrien und Zellmembran. Der bekannte Paraptose-Inhibitor Acinomycin D konnte den durch Bakterien ausgelösten Zelltod wirksam blockieren. Wurde das p53-Gen mithilfe von CRISPR/Cas9 ausgeschaltet (Knockout), verzögerte sich die Induktion des Zelltods deutlich, was die zentrale Rolle von p53 bei dieser Reaktion unterstreicht.

Zusammengefasste Erkenntnisse und Ausblick für Patienten

Die vorgestellten Studien liefern wichtige neue Erkenntnisse für Patienten mit Leberzirrhose, insbesondere wenn eine akute Dekompensation vorliegt. Die Analyse von Metaboliten im Blut, aber auch in Urin und Stuhl, kann helfen, das Risiko für ein “acute-on-chronic liver failure” (ACLF) frühzeitig zu erkennen. Besonders die Blutwerte liefern dabei die zuverlässigsten Hinweise. Dies ist für die Praxis bedeutsam, da Patienten mit AD und ACLF unterschiedliche Behandlungsstrategien benötigen und eine schnelle Unterscheidung die Therapie verbessern kann.

Darüber hinaus zeigen die Ergebnisse zur Darm-Leber-Achse und zum p53-Status, wie wichtig die Integrität der Darmschleimhaut und die zellulären Abwehrmechanismen gegen bakterielle Infektionen sind. Die gezielte Beeinflussung bestimmter p53-Isoformen könnte in Zukunft neue therapeutische Möglichkeiten eröffnen, um Komplikationen wie die spontane bakterielle Peritonitis besser zu behandeln oder sogar zu verhindern. Die Forschung an innovativen Reportersystemen wie EXSISERS trägt dazu bei, die komplexen Abläufe in den Zellen besser zu verstehen und neue Ansätze für die Therapie zu entwickeln.

Für Patientinnen und Patienten bedeutet dies, dass die Diagnostik und Behandlung von Leberzirrhose und ihren Komplikationen in den kommenden Jahren weiter verbessert werden könnten. Die enge Zusammenarbeit von Forschung und klinischer Praxis ist dabei entscheidend, um die neuen Erkenntnisse möglichst schnell in den Alltag zu übertragen und die Versorgung der Betroffenen zu optimieren.

Wenn Sie selbst an Leberzirrhose leiden oder bei Ihnen eine fortgeschrittene Lebererkrankung festgestellt wurde, sprechen Sie mit Ihrer behandelnden Ärztin oder Ihrem Arzt über die Möglichkeiten moderner Diagnostik und Therapie. Die frühzeitige Erkennung von Komplikationen und eine individuell angepasste Behandlung können entscheidend für den Verlauf der Erkrankung sein.

Mirjam Peter, M.Sc.

Quellen

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Die Herzbildgebung hat unser Verständnis der koronaren Herzkrankheit (KHK) entscheidend verbessert und ist heute ein zentrales Element in der Diagnostik und Behandlung. In diesem Artikel, der auf CARDIOVASC basiert, erfahren Sie, welche bildgebenden Verfahren es gibt, wie sie eingesetzt werden, welche Vor- und Nachteile sie haben und was Patienten mit Verdacht auf KHK wissen sollten.

Thorakale Beschwerden und die Rolle der Herzbildgebung

Viele Menschen suchen wegen Brustschmerzen (medizinisch: thorakale Beschwerden) ihren Hausarzt auf. In der Schweiz sind etwa 3 % aller Arztbesuche auf solche Beschwerden zurückzuführen. Die Ursachen reichen von harmlosen (benignen) Problemen bis hin zu lebensbedrohlichen Erkrankungen wie der koronaren Herzkrankheit (KHK), bei der die Herzkranzgefäße verengt oder blockiert sind. Besonders die KHK ist gefürchtet, da sie zu Herzinfarkt, Herzschwäche und sogar zum plötzlichen Herztod führen kann. Deshalb ist eine genaue und möglichst schonende Diagnostik wichtig. Moderne bildgebende Verfahren, also Methoden, die das Herz sichtbar machen, haben sich in den letzten Jahren stark weiterentwickelt. Sie helfen Ärzten, die Ursache der Beschwerden besser einzugrenzen und die richtige Behandlung zu wählen.

Die Auswahl der passenden Bildgebung hängt von verschiedenen Faktoren ab: Welche Frage soll beantwortet werden? Welche Risiken und Kosten sind mit dem Verfahren verbunden? Und wie sieht die individuelle Situation des Patienten aus? Es ist wichtig, dass die Vorteile einer Untersuchung immer gegen mögliche Risiken und Kosten abgewogen werden. Gerade bei der KHK, die oft schleichend verläuft und erst spät Beschwerden macht, ist das Ziel, möglichst früh und sicher eine Diagnose zu stellen – und das möglichst ohne belastende Eingriffe.

Die Nachfrage nach nicht-invasiven (also ohne Eingriff in den Körper) und gleichzeitig zuverlässigen Methoden ist groß. Dank technischer Fortschritte stehen heute verschiedene Verfahren zur Verfügung, die sich in ihrer Aussagekraft, Sicherheit und Anwendbarkeit unterscheiden. Im Folgenden stellen wir die wichtigsten bildgebenden Methoden vor, die bei Verdacht auf KHK eingesetzt werden.

Die wichtigsten bildgebenden Verfahren im Überblick

Stress-Echokardiografie: Die Stress-Echokardiografie ist ein Ultraschallverfahren, bei dem das Herz unter Belastung untersucht wird. Ziel ist es, sogenannte Ischämie-induzierte Wandbewegungsstörungen zu erkennen – das sind Bewegungsauffälligkeiten des Herzmuskels, die durch eine Minderdurchblutung (Ischämie) entstehen. Die Belastung kann entweder durch körperliche Aktivität oder durch Medikamente wie Dobutamin erzeugt werden. Mit Dobutamin lässt sich zusätzlich die Viabilität (Lebensfähigkeit) des Herzmuskels beurteilen. Neue Techniken wie das Strain Imaging (Messung der Dehnbarkeit des Herzmuskels) und die 3D-Echokardiografie verbessern die Genauigkeit weiter. Allerdings hängt die Aussagekraft stark von der Erfahrung des Untersuchers und der Bildqualität ab. Bei Patienten mit Übergewicht (Adipositas), Lungenemphysem (chronische Lungenerkrankung) oder Trichterbrust kann die Bildqualität eingeschränkt sein.

Herz-CT: Die Herz-Computertomografie (Herz-CT) ermöglicht eine detaillierte Darstellung der Herzkranzgefäße (Koronarien) und der Herzstruktur. Sie liefert ähnliche Informationen wie die invasive Koronarangiografie, bei der ein Katheter in die Gefäße eingeführt wird. Besonders geeignet ist das Herz-CT, um eine KHK bei Patienten mit niedriger bis mittlerer Vortestwahrscheinlichkeit auszuschließen. Die Methode hat eine sehr hohe Sensitivität (Fähigkeit, eine Erkrankung zu erkennen) und einen nahezu perfekten negativen prädiktiven Wert (wenn das Ergebnis unauffällig ist, ist eine KHK sehr unwahrscheinlich). Die Spezifität (Fähigkeit, Gesunde richtig zu erkennen) ist jedoch nur moderat, da das CT manchmal den Grad der Gefäßverengung überschätzt. Studien und große Register haben gezeigt, dass das Herz-CT auch eine wichtige Rolle für die Prognoseabschätzung spielt.

In den letzten Jahren hat sich die Technik rasant weiterentwickelt. Heute können hochauflösende Bilder mit sehr niedriger Strahlenbelastung aufgenommen werden. Die durchschnittliche Strahlenbelastung liegt bei 2–5 Millisievert (mSv), in spezialisierten Zentren sogar oft unter 1 mSv. Trotzdem ist eine sorgfältige Patientenauswahl wichtig: Bei ausgeprägten Herzrhythmusstörungen (Arrhythmien) kann die Bildqualität eingeschränkt sein. Außerdem gibt es Kontraindikationen (Gegenanzeigen) für das verwendete Kontrastmittel, zum Beispiel bei Jodallergie oder schwerer Niereninsuffizienz (eingeschränkte Nierenfunktion).

Single Photon Emission Computed Tomography (SPECT): Die Myokardperfusions-SPECT ist ein nuklearmedizinisches Verfahren, das die Durchblutung des Herzmuskels sichtbar macht. Hierbei werden radioaktive Tracer (meist 99m-Technetium-basierte Substanzen wie Sestamibi oder Tetrofosmin) in die Blutbahn gespritzt. Diese lagern sich in durchbluteten Herzmuskelzellen (viable Myozyten) an. Die beim Zerfall entstehende γ-Strahlung wird von speziellen Kameras aufgefangen und in Bilder umgewandelt. Moderne Detektoren ermöglichen eine gute Bildqualität bei gleichzeitig niedriger Strahlenbelastung (2–5 mSv). Die Belastung kann durch körperliche Aktivität oder Medikamente wie Dobutamin oder Adenosin erfolgen.

Mit der SPECT lassen sich sowohl Durchblutungsstörungen (Ischämie) als auch Narben im Herzmuskel (Myokardnarben) erkennen. Das Verfahren hat eine hohe diagnostische Genauigkeit und liefert zusätzlich Informationen über die Funktion des linken Ventrikels (Hauptkammer des Herzens), wenn das EKG mitgetriggert wird. Für die SPECT gibt es umfangreiche Daten aus großen Patientenkollektiven, die auch den prognostischen Wert (Vorhersagekraft für den weiteren Verlauf) belegen. Das macht die Methode besonders wertvoll für die Risikoabschätzung bei KHK.

Positronenemissionstomografie (PET): Die PET ist ebenfalls ein nuklearmedizinisches Verfahren, unterscheidet sich aber von der SPECT durch die verwendeten Radionuklide und die Technik der Bildaufnahme. Während bei der SPECT Radionuklide mit γ-Zerfall und längerer Halbwertszeit (z. B. 6 Stunden für 99m-Technetium) eingesetzt werden, nutzt die PET Radionuklide mit β+-Zerfall und sehr kurzer Halbwertszeit (z. B. 10 Minuten für 13N-Ammoniak). Die Herstellung dieser Substanzen erfordert meist ein Zyklotron (Teilchenbeschleuniger) vor Ort, mit Ausnahme von 82Rubidium, das mit einem Generator produziert werden kann.

Die PET bietet eine deutlich bessere Bildauflösung als die SPECT und ist weniger anfällig für Störungen durch Weichteile (robustere Schwächungskorrektur). Sie gilt daher als die bildgebende Methode mit der höchsten diagnostischen Wertigkeit bei der KHK. Ein besonderer Vorteil ist die Möglichkeit, den myokardialen Blutfluss absolut zu quantifizieren (in ml/min/g Herzmuskelgewebe). Das hilft, auch sogenannte balancierte Dreigefäßerkrankungen (gleichmäßige Durchblutungsstörung in allen drei Hauptgefäßen) oder Störungen der Mikrozirkulation (kleinste Gefäße) zu erkennen. Die Strahlenbelastung bei einer 13N-Ammoniak-PET liegt bei 1–3 mSv. Mehrere große Studien belegen auch den prognostischen Wert der PET.

Magnetresonanztomografie (MRT): Die Herz-MRT ist ein Verfahren ohne Strahlenbelastung, das mit starken Magnetfeldern und Radiowellen arbeitet. Sie liefert exzellente Bilder von Herzstruktur und -funktion. Durch die Gabe von gadoliniumhaltigem Kontrastmittel kann die Durchblutung des Herzmuskels sowohl in Ruhe als auch unter Belastung (meist durch Adenosin) beurteilt werden. Die diagnostische Genauigkeit ist sehr gut. Wird Dobutamin als Stressmittel eingesetzt, lassen sich zusätzlich Wandbewegungsstörungen erkennen. Mit dem sogenannten Late-Gadolinium-Enhancement (LGE) kann das Gewebe charakterisiert werden, insbesondere Narben nach einem Infarkt oder noch lebensfähiger Herzmuskel (viables Myokard). Kontraindikationen sind vor allem Metallimplantate (z. B. viele Schrittmacher oder Defibrillatoren), schwere Niereninsuffizienz und ausgeprägte Platzangst (Klaustrophobie). Auch Herzrhythmusstörungen und Probleme beim Atemanhalten können die Bildqualität beeinträchtigen.

Hybridbildgebung: Die Hybridbildgebung kombiniert verschiedene bildgebende Verfahren, zum Beispiel die anatomische Information aus der Herz-CT mit der funktionellen Information aus der Myokardperfusions-SPECT oder -PET. Dadurch können Ärzte gleichzeitig den Schweregrad einer Gefäßverengung (Stenose) und deren Bedeutung für die Durchblutung (hämodynamische Relevanz) beurteilen. Auch das betroffene Versorgungsgebiet lässt sich genau darstellen. Studien zeigen, dass die Hybridbildgebung oft eine höhere diagnostische Genauigkeit und einen besseren prognostischen Wert hat als die Einzelverfahren. Sie wird vor allem in spezialisierten Zentren eingesetzt.

Individuelle Auswahl der Bildgebung: Vortestwahrscheinlichkeit und Bayes-Theorem

Die Wahl des optimalen bildgebenden Verfahrens hängt von der sogenannten Vortestwahrscheinlichkeit ab – also davon, wie wahrscheinlich es ist, dass ein Patient tatsächlich eine KHK hat, bevor überhaupt eine Untersuchung durchgeführt wird. Hier kommt das Bayes’sche Theorem ins Spiel: Es beschreibt, wie die Aussagekraft eines Testergebnisses von der Vortestwahrscheinlichkeit beeinflusst wird. Sensitivität (Erkennungsrate von Kranken) und Spezifität (Erkennungsrate von Gesunden) sind wichtige Kennzahlen, reichen aber allein nicht aus, um die Aussagekraft im Alltag zu beurteilen.

Bei Patienten mit sehr niedriger Vortestwahrscheinlichkeit sind auffällige Testergebnisse häufig falsch positiv, das heißt, sie zeigen eine Erkrankung an, die gar nicht vorliegt. Umgekehrt können bei sehr hoher Vortestwahrscheinlichkeit normale Testergebnisse falsch negativ sein, also eine bestehende Erkrankung übersehen. Der größte Nutzen der bildgebenden Verfahren liegt daher bei Patienten mit mittlerer Vortestwahrscheinlichkeit (etwa 15–85 %). Das sind zum Beispiel Menschen mit atypischer Angina pectoris (Brustschmerzen, die nicht alle typischen Merkmale erfüllen) oder Frauen mittleren Alters mit typischer Angina. Für diese Gruppen empfehlen die aktuellen Leitlinien eine primär nicht-invasive bildgebende Abklärung.

Die individuelle Auswahl des Verfahrens richtet sich nach den klinischen Merkmalen des Patienten, den Begleiterkrankungen (Komorbiditäten) und der verfügbaren lokalen Expertise. So kann bei bestimmten Fragestellungen und Patientengruppen das eine oder andere Verfahren besser geeignet sein. Wichtig ist, dass die Untersuchung nicht nur technisch möglich, sondern auch sinnvoll und sicher für den Patienten ist.

Vergleich der Methoden und aktuelle Empfehlungen

Der direkte Vergleich der verschiedenen bildgebenden Verfahren ist nicht immer einfach, da sie unterschiedliche Aspekte der KHK abbilden. So beurteilt das Herz-CT vor allem die Anatomie der Gefäße, die Stress-Echokardiografie die Wandbewegung des Herzmuskels und SPECT, PET oder MRT die Durchblutung (Perfusion). Auch die Erfahrung des jeweiligen Zentrums mit einer Methode spielt eine Rolle. Deshalb schwanken die Angaben zu Sensitivität und Spezifität in der Literatur zum Teil erheblich.

Einzelne Studien deuten darauf hin, dass bestimmte Verfahren in bestimmten Situationen überlegen sein könnten. Insgesamt zeigen aber große, zusammengefasste Datenauswertungen, dass die Unterschiede zwischen den Methoden in der Praxis oft kleiner sind als angenommen. Einigkeit besteht darüber, dass die bildgebenden Verfahren dem klassischen Belastungs-EKG in der Diagnostik überlegen sind. Deshalb empfehlen die Leitlinien der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC), wann immer möglich, eine bildgebende Untersuchung vorzuziehen.

Die ESC-Leitlinien geben einen klaren Fahrplan für die Abklärung bei Verdacht auf KHK vor. Dabei spielt die differenzielle Auswahl der Bildgebung eine besonders wichtige Rolle. Die Wahl des Verfahrens sollte sich immer an der individuellen Fragestellung, den Patientenmerkmalen und der lokalen Expertise orientieren. Eine Übersichtstabelle kann Ärzten und Patienten helfen, die richtige Methode auszuwählen.

Die Kosten der einzelnen Verfahren, die Strahlenbelastung und mögliche Risiken (zum Beispiel allergische Reaktionen auf Kontrastmittel oder Probleme bei Niereninsuffizienz) müssen immer mitbedacht werden. In spezialisierten Zentren können viele Untersuchungen heute mit sehr niedriger Strahlenbelastung durchgeführt werden. Dennoch sollte jede Untersuchung nur dann erfolgen, wenn sie einen klaren Nutzen für die Diagnose oder Therapieentscheidung bringt.

Praktische Hinweise für Patienten: Was Sie wissen sollten

Für Patienten mit Verdacht auf KHK ist es wichtig zu wissen, dass die Herzbildgebung heute sehr viele Möglichkeiten bietet, die Erkrankung frühzeitig und sicher zu erkennen oder auszuschließen. Die Wahl des Verfahrens wird individuell getroffen und hängt von Ihren Beschwerden, Vorerkrankungen und der Einschätzung Ihres Arztes ab. Nicht jede Methode ist für jeden Patienten geeignet. Ihr Arzt wird mit Ihnen besprechen, welches Verfahren in Ihrer Situation am sinnvollsten ist.

Die Stress-Echokardiografie ist besonders geeignet, wenn die Belastbarkeit des Herzens und die Beweglichkeit des Herzmuskels beurteilt werden sollen. Das Herz-CT ist ideal, um die Herzkranzgefäße darzustellen und eine KHK auszuschließen, vor allem bei Patienten mit niedrigem bis mittlerem Risiko. Die SPECT und PET sind wertvoll, wenn es um die Beurteilung der Durchblutung und die Risikoabschätzung geht. Die MRT bietet eine strahlenfreie Alternative mit sehr guter Bildqualität, ist aber nicht für alle Patienten möglich (z. B. bei bestimmten Implantaten oder schwerer Niereninsuffizienz).

Vor jeder Untersuchung wird Ihr Arzt Sie über den Ablauf, mögliche Risiken und die zu erwartende Aussagekraft informieren. Scheuen Sie sich nicht, Fragen zu stellen – Ihr Verständnis ist ein wichtiger Baustein für eine erfolgreiche Diagnostik und Behandlung. In spezialisierten Zentren stehen oft mehrere Verfahren zur Verfügung, sodass die Untersuchung optimal auf Ihre Bedürfnisse abgestimmt werden kann.

Die Hybridbildgebung wird meist in spezialisierten Kliniken eingesetzt und kommt vor allem dann zum Einsatz, wenn eine besonders genaue Beurteilung der Gefäßverengungen und ihrer Bedeutung für die Durchblutung nötig ist. Sie kann helfen, unnötige invasive Eingriffe zu vermeiden und die Therapie gezielt zu steuern.

Wichtig ist, dass die Bildgebung immer Teil eines Gesamtkonzepts ist. Sie ersetzt nicht das ärztliche Gespräch, die körperliche Untersuchung und andere wichtige Tests (wie Blutuntersuchungen oder das EKG), sondern ergänzt diese sinnvoll. Ihr Arzt wird alle Ergebnisse gemeinsam mit Ihnen besprechen und die nächsten Schritte planen.

Zusammenfassung: Die wichtigsten Erkenntnisse zur Herzbildgebung bei KHK

Die Herzbildgebung ist heute ein unverzichtbarer Bestandteil der Diagnostik und Behandlung der koronaren Herzkrankheit. Sie hat dazu beigetragen, die Erkrankung besser zu verstehen und Patienten gezielter zu behandeln. Die aktuellen Leitlinien empfehlen bei stabilen Patienten mit Verdacht auf KHK eine nicht-invasive Bildgebung, sofern die nötige Erfahrung und Technik vor Ort vorhanden ist.

Die Auswahl des passenden Verfahrens sollte immer individuell erfolgen und die Vorteile gegen mögliche Risiken und Kosten abgewogen werden. Moderne Techniken ermöglichen heute eine sehr genaue Diagnostik bei gleichzeitig niedriger Strahlenbelastung und hoher Sicherheit. Die verschiedenen Methoden – Stress-Echokardiografie, Herz-CT, SPECT, PET, MRT und Hybridbildgebung – haben jeweils spezielle Stärken und Einschränkungen. Ihr Arzt wird gemeinsam mit Ihnen entscheiden, welches Verfahren für Sie am besten geeignet ist.

Die Bildgebung kann helfen, eine KHK sicher auszuschließen, das Risiko für Komplikationen einzuschätzen und die beste Therapie zu wählen. Sie ist jedoch immer Teil eines umfassenden diagnostischen und therapeutischen Gesamtkonzepts. Sprechen Sie offen mit Ihrem Arzt über Ihre Beschwerden, Ängste und Erwartungen – so kann die Diagnostik optimal auf Sie abgestimmt werden.

Abschließend gilt: Die Herzbildgebung ist ein mächtiges Werkzeug, das – richtig eingesetzt – dazu beiträgt, Ihre Herzgesundheit zu schützen und Ihnen die bestmögliche Behandlung zu ermöglichen.

PD Dr. med. Ronny R. Buechel, MD

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Osteoporose ist eine weit verbreitete Stoffwechselerkrankung des Knochens, die häufig zu schmerzhaften Wirbelfrakturen führen kann. In diesem Artikel, der auf HAUSARZT PRAXIS basiert, erfahren Sie, wie Osteoporose entsteht, wie pathologische Frakturen der Wirbelsäule erkannt werden und welche modernen Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen. Ziel ist es, Ihnen als Patientin oder Patient ein besseres Verständnis für diese Erkrankung und deren Auswirkungen zu vermitteln.

Wie entstehen pathologische Wirbelfrakturen bei Osteoporose?

Pathologische Frakturen der Wirbelsäule werden oft zufällig bei bildgebenden Untersuchungen entdeckt, zum Beispiel im Rahmen einer Röntgenaufnahme oder Computertomografie. Diese Frakturen entstehen ohne eine adäquate Gewalteinwirkung, das heißt, sie treten bei alltäglichen Bewegungen oder leichten Belastungen auf. Die Ursache ist meist eine fortgeschrittene Osteoporose. Osteoporose ist eine Stoffwechselerkrankung des Knochens, bei der es zu einem Verlust an Knochensubstanz, -struktur und -funktion kommt. Dadurch steigt das Risiko für Knochenbrüche erheblich. Besonders betroffen sind die Wirbelkörper, da sie das Körpergewicht tragen und bei Osteoporose an Stabilität verlieren.

Bei bildgebenden Verfahren wie der quantitativen Computertomografie (QCT) können typische Veränderungen der Wirbelkörper sichtbar gemacht werden. Dazu gehören Einsenkungen der Grund- und/oder Deckplatten der Wirbel, die zu keil- oder fischwirbelartigen Deformierungen führen können. Diese Veränderungen sind ein Hinweis auf eine pathologische Fraktur. Es ist jedoch wichtig zu wissen, dass eine starke Demineralisierung (Entkalkung) des Skeletts nicht immer zwangsläufig zu einer Fraktur führen muss. Verschiedene Erkrankungen, wie zum Beispiel endokrinologische oder hämatologische Störungen, können ebenfalls mit einer Entkalkung der Knochenstruktur einhergehen. In der medizinischen Praxis werden daher Differenzialdiagnosen erstellt, um andere Ursachen für die Wirbeldeformierungen auszuschließen.

Diagnose der Osteoporose: Von der Anamnese bis zur Knochendichtemessung

Osteoporose wird durch eine Kombination aus Anamnese (Erhebung der Krankengeschichte), klinischer Untersuchung, bildgebender Diagnostik und Densitometrie (Messung der Knochendichte) diagnostiziert. Zusätzlich werden Laborparameter wie der Hormonstatus, Vitamin-D-Spiegel und andere Werte des Knochenstoffwechsels bestimmt. Besonders wichtig ist die Bestimmung des Vitamin D, da dieses Vitamin eine zentrale Rolle im Kalziumstoffwechsel spielt. Ein Mangel an Vitamin D ist weit verbreitet und kann zu einem sekundären Hyperparathyreoidismus führen, einer Erkrankung, bei der die Nebenschilddrüsen vermehrt Parathormon produzieren, um den Kalziumspiegel im Blut zu regulieren.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt eine übersichtliche Einteilung der Osteoporose bei Frauen, die in verschiedenen Tabellen dargestellt wird. Etwa 90% der Osteoporosefälle sind postmenopausal (nach den Wechseljahren) oder senil (altersbedingt). Diese beiden Formen unterscheiden sich in ihren diagnostischen Kriterien. Sekundäre Osteoporosen entstehen durch andere Grunderkrankungen, wie zum Beispiel gastrointestinale Erkrankungen mit Resorptionsstörungen, endokrinologische Veränderungen (zum Beispiel Schilddrüsenerkrankungen) oder hämatologische Probleme (Bluterkrankungen). Die Symptome von osteoporotischen Frakturen sind vielfältig: Sie reichen von chronischen Rückenschmerzen über akute Schmerzen bei frischen Brüchen bis hin zu sichtbaren Deformierungen der Wirbelsäule, wie dem sogenannten “Witwenbuckel” (eine nach vorne gekrümmte Haltung durch Wirbelverformungen).

Osteoporose stellt auch eine erhebliche finanzielle Belastung für die Gesellschaft dar. Studien aus den späten 1990er Jahren zeigen, dass allein in den USA und Europa jährlich mehr als 23 Milliarden Dollar durch osteoporotische Frakturen verursacht werden. Besonders gefährlich sind Frakturen des Femurhalses (Oberschenkelhals), die mit einer erhöhten Sterblichkeit von 10 bis 20% einhergehen. Fast ein Fünftel der betroffenen Patienten wird zum Langzeitpflegefall. Deshalb ist die Prophylaxe (Vorbeugung) der Osteoporose von großer Bedeutung.

Bildgebende Verfahren und Knochendichtemessung: Was zeigen die Untersuchungen?

Die Diagnose einer Osteoporose und ihrer Folgen stützt sich auf verschiedene bildgebende Verfahren. Röntgenaufnahmen zeigen eine erhöhte Strahlentransparenz (die Knochen erscheinen heller), was auf eine verminderte Knochendichte hinweist. Besonders an der Brustwirbelsäule (BWS) und Lendenwirbelsäule (LWS) lassen sich Deformierungen wie Einsenkungen der Wirbelabschlussplatten erkennen. Oft berichten die Patienten nicht über ein auslösendes Trauma, was typisch für osteoporotische Frakturen ist. Mit Schnittbildverfahren wie der Computertomografie (CT) und der Magnetresonanztomografie (MRT) können diese Veränderungen noch genauer dargestellt werden. In der MRT ist ein Spongiosaödem (Wassereinlagerung im Knochenbälkchengewebe) ein sicheres Zeichen für eine frische Sinterung (Zusammenstauchung) des Wirbelkörpers bei Osteoporose.

Für die Quantifizierung der Knochendichte stehen heute mehrere Verfahren zur Verfügung. Die wichtigsten sind die Quantitative Computertomografie (QCT) und die Dual-Röntgen-Absorptiometrie (DXA). Beide Methoden liefern wichtige Informationen über den Zustand des Knochenstoffwechsels und helfen, das Frakturrisiko einzuschätzen. Die Aussagekraft der Ergebnisse hängt jedoch auch von der Erfahrung des Untersuchers ab. Die sonografische Messung (Ultraschall) wird kritisch bewertet, da sie weniger genaue Ergebnisse liefert. Mit der Kernspintomografie (MRT) kann der Mineralsalzgehalt des Knochens nicht direkt gemessen werden.

Fallbeispiele: Wie zeigen sich osteoporotische Wirbelfrakturen in der Praxis?

Im Folgenden werden vier typische Fallbeispiele vorgestellt, die das breite Spektrum osteoporotischer Wirbelfrakturen verdeutlichen:

Fall 1: Ein 77-jähriger Mann erleidet nach einer Bagatellbelastung (geringe Krafteinwirkung) eine pathologische Fraktur des Lendenwirbelkörpers 1 (LWK 1). Der Wirbel ist stark komprimiert, die Wirbelhinterkante ist in den Spinalkanal abgekippt und verursacht eine spinale Stenose (Verengung des Wirbelkanals). Die Quantitative Computertomografie (QCT) zeigt eine senile Osteoporose mit einem T-Score von –4,4 und einem Absolutwert an Kalziumhydroxylapatit von 58,4 mg/ml. Kalziumhydroxylapatit ist eine wichtige chemische Verbindung (Ca5(PO4)3OH), die für die Festigkeit des Knochens verantwortlich ist.

Fall 2: Ein 62-jähriger Mann klagt über zunehmende Schmerzen in der Brustwirbelsäule (BWS). Es werden zahlreiche frische osteoporotische Sinterungen festgestellt, die zu einer verstärkten Kyphose (Krümmung der Wirbelsäule nach vorne) führen. In der MRT ist ein ausgeprägtes Spongiosaödem sichtbar. Vier Jahre später zeigt eine Röntgenaufnahme des Thorax den Zustand nach Vertebroplastie (minimalinvasives Verfahren zur Stabilisierung gebrochener Wirbel) mehrerer mittlerer Brustwirbelkörper.

Fall 3: Bei einer 72-jährigen Patientin wird mittels lumbaler CT eine Deckplattenimpression (Einsenkung der oberen Wirbelplatte) von LWK 3 festgestellt. Die Patientin leidet unter akuter Lumbalgie (Schmerzen im unteren Rücken). Die QCT dokumentiert eine erhebliche Osteoporose mit einem Mineralsalzgehalt von nur 24 mg/ml, was auf ein deutlich erhöhtes Frakturrisiko hinweist.

Fall 4: Ein 64-jähriger Patient mit Plasmozytom (bösartige Erkrankung der Plasmazellen) zeigt eine diffuse Demineralisierung des Skeletts. Es kommt zu einer fischwirbelartigen Kompression von BWK 11 (elfter Brustwirbelkörper) und zu zahlreichen Einbrüchen der Wirbelabschlussplatten in der Lendenwirbelsäule (LWS).

Therapie und Prophylaxe: Was können Patienten tun?

Die Behandlung der Osteoporose und ihrer Folgen ist vielschichtig. Ein zentrales Ziel ist die Prophylaxe, also die Vorbeugung von Frakturen. Dazu gehören eine ausreichende Versorgung mit Kalzium und Vitamin D, regelmäßige körperliche Aktivität und gegebenenfalls medikamentöse Therapien, die den Knochenstoffwechsel positiv beeinflussen. Bei bereits bestehenden Wirbeldeformierungen können minimalinvasive Verfahren wie die Vertebroplastie oder Kyphoplastie eingesetzt werden. Dabei wird Knochenzement in den gebrochenen Wirbelkörper eingebracht, um ihn zu stabilisieren und Schmerzen zu lindern. Diese Eingriffe können die Lebensqualität deutlich verbessern und das Fortschreiten von Deformierungen verhindern.

Die regelmäßige Kontrolle der Knochendichte mit quantifizierenden Modalitäten wie QCT oder DXA ist wichtig, um den Verlauf der Erkrankung zu überwachen und den Erfolg der Therapie zu beurteilen. Bildgebende Verfahren helfen, neue Frakturen frühzeitig zu erkennen und gezielt zu behandeln. Die Prophylaxe und frühzeitige Therapie der Osteoporose sind entscheidend, um schwere Verläufe und Komplikationen zu vermeiden.

Wichtige Erkenntnisse für Patienten

  • Osteoporose ist eine Erkrankung, die nicht nur die Lebensqualität, sondern auch die Volkswirtschaft erheblich belastet.
  • Die Vorbeugung von Osteoporose ist besonders wichtig, um schwere Verläufe und Komplikationen zu vermeiden.
  • Bildgebende Verfahren wie Röntgen, CT und MRT sind unverzichtbar, um osteoporotische Frakturen zu erkennen.
  • Quantifizierende Methoden wie QCT und DXA spielen eine zentrale Rolle in der Diagnostik und Therapiekontrolle der Osteoporose.
  • Vertebroplastie und Kyphoplastie sind effektive Verfahren zur Stabilisierung gebrochener Wirbelkörper.

Dr. med. Hans-Joachim Thiel

Quellen

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Die Therapietreue, auch als Compliance bezeichnet, ist ein entscheidender Faktor für den Erfolg von Ernährungstherapien bei metabolischen und kardiovaskulären Erkrankungen. Dieser Artikel basiert auf CARDIOVASC 2024 und erklärt, welche Risikofaktoren die Compliance beeinflussen, wie sie gemessen werden kann und warum eine individuelle Anpassung der Ernährung so wichtig ist. Zudem erfahren Sie, welche Herausforderungen und Lösungsansätze es in der Praxis gibt und wie Studien die Therapietreue untersuchen.

Ernährungsstil als zentraler Risikofaktor für Erkrankungen

Der Ernährungsstil, also die Art und Weise, wie wir uns tagtäglich ernähren, zählt zu den wichtigsten Risikofaktoren für die Entstehung von metabolischen Erkrankungen (Störungen des Stoffwechsels wie Diabetes mellitus Typ 2), kardiovaskulären Erkrankungen (Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie koronare Herzkrankheit oder Schlaganfall) sowie vielen weiteren Krankheitsgruppen. Eine gezielte Optimierung der Ernährung spielt daher eine zentrale Rolle sowohl in der Vorbeugung (Prävention) als auch in der Behandlung (Therapie) dieser Erkrankungen. Besonders für die traditionell-mediterrane Ernährung und das Low-Fat-Konzept (Ernährung mit wenig Fett) gibt es zahlreiche wissenschaftliche Belege (epidemiologische und interventionelle Evidenz), dass sie sich positiv auf verschiedene Stoffwechselprozesse auswirken, den Körperfettanteil senken und das Risiko für Langzeiterkrankungen wie Typ-2-Diabetes, koronare Herzkrankheit, Schlaganfall und bestimmte Krebsarten reduzieren können.

Auch andere Ernährungsformen wie Low-Carb (kohlenhydratarme Ernährung) oder vegetarisch-vegane Ernährung zeigen in bestimmten Stoffwechselbereichen vergleichbare oder sogar bessere Ergebnisse als die mediterrane oder fettarme Ernährung. Allerdings fehlen für diese Konzepte oft noch ausreichend Langzeitdaten aus randomisiert-kontrollierten Studien (RCTs, also Studien mit zufälliger Zuteilung der Teilnehmer zu verschiedenen Ernährungsformen). Für weitere Ansätze wie Low-GI (niedriger glykämischer Index), Intervallfasten oder andere Ernährungskonzepte ist die Studienlage noch unklar oder die vorhandenen Daten zeigen nur mittlere Effekte auf Stoffwechselparameter.

Die Wahl der richtigen Ernährung ist also ein wichtiger Baustein für die Gesundheit. Doch selbst die beste Ernährung hilft nur, wenn sie im Alltag auch tatsächlich umgesetzt wird – und hier kommt die Compliance ins Spiel.

Personalisierung der Ernährungstherapie und ihre Herausforderungen

Mit der Entwicklung von Cluster-Subtypen für Prädiabetes (Vorstufe des Diabetes mellitus Typ 2) und Typ-2-Diabetes wächst unser Wissen über die individuellen Ursachen (Pathogenese) dieser Erkrankungen. Dadurch wird auch deutlich, dass der Therapiebedarf von Mensch zu Mensch unterschiedlich ist. Einzelne Merkmale wie Body-Mass-Index (BMI, Verhältnis von Körpergewicht zu Körpergröße), Blutzuckerwerte und das Alter der Patienten können laut einigen Studien helfen, den Erfolg einer Ernährungsumstellung vorherzusagen. Die Einteilung in Cluster-Subtypen (Gruppen mit ähnlichen Krankheitsmechanismen) ist jedoch noch nicht praxistauglich, um den Therapieerfolg zuverlässig vorherzusagen.

Ein zentrales Problem bei allen Ansätzen zur individuellen Anpassung von Ernährungstherapien ist die Compliance. Bevor die Wirksamkeit einer bestimmten Ernährungsform in Studiengruppen (Subgruppen) bewertet werden kann, muss sichergestellt sein, dass die Teilnehmer die Ernährungsvorgaben auch tatsächlich einhalten. Genau das ist jedoch schwierig: Die Compliance ist schwer zu definieren, noch schwerer zu messen und damit auch schwer als Vorhersagefaktor für den Therapieerfolg nutzbar.

Die Personalisierung der Ernährungstherapie bleibt daher eine große Herausforderung. Es reicht nicht aus, nur die passende Ernährung zu finden – entscheidend ist, dass die Patienten diese auch langfristig umsetzen können und wollen. Hier spielen viele individuelle Faktoren eine Rolle, wie persönliche Vorlieben, Alltagssituation, Motivation und das soziale Umfeld.

Was bedeutet Compliance und wie kann sie gemessen werden?

Compliance beschreibt allgemein die Bereitschaft und Fähigkeit von Patientinnen und Patienten, therapeutische Vorgaben einzuhalten. Das betrifft nicht nur die Einnahme von Medikamenten (Pharmakotherapie), sondern auch den Verzicht auf schädliche Substanzen (Noxenkarenz, z.B. Rauchstopp) oder die Umsetzung einer bestimmten Ernährungsform. Non-Compliance bedeutet, dass eine Behandlung bewusst abgebrochen oder nicht wie empfohlen durchgeführt wird. Dies kann sinnvoll sein, wenn eine Therapie nicht wirksam, nicht praktikabel oder mit unzumutbaren Nebenwirkungen verbunden ist.

Die genaue Messung der Compliance ist jedoch schwierig. Bei Medikamenten lässt sich die Therapietreue oft durch Blutspiegel des Wirkstoffs objektiv überprüfen. Bei Ernährungstherapien ist das komplexer, da meist mehrere Maßnahmen gleichzeitig umgesetzt werden sollen: Ernährung, Bewegung, Intensität und Qualität der Bewegung, Menge und Häufigkeit der Nahrungsaufnahme. Diese verschiedenen Elemente können sich gegenseitig beeinflussen oder sogar behindern. Beispielsweise erschwert eine starke Kalorienreduktion mit herkömmlichen Lebensmitteln das Einhalten einer Low-Fat-Diät, weil dann nur noch sehr wenig Fett gegessen werden dürfte. Auch eine sehr eiweißreiche Ernährung (High-Protein) ohne Gewichtsverlust ist schwer umsetzbar. Eine vollständige Compliance gegenüber allen Vorgaben ist bei komplexen Ernährungstherapien daher selten zu erwarten.

Ein weiteres Problem ist die Quantifizierung der Compliance. Während bei Medikamenten objektive Marker wie der Wirkstoffspiegel im Blut genutzt werden können, gibt es für Lebensmittel und Nährstoffe nur wenige vergleichbare Biomarker. Beispiele sind Alkylresorcinole für Vollkorngetreide, Methylhistidin für rotes Fleisch oder essenzielle Fettsäuren für bestimmte Nahrungsquellen. Diese Marker werden jedoch meist nur in Studien bestimmt und sind in der klinischen Praxis nicht etabliert, da sie aufwendig und teuer sind. Häufiger werden subjektive Methoden wie Ernährungsprotokolle oder Fragebögen zur Häufigkeit bestimmter Nahrungsmittel eingesetzt. Diese sind jedoch fehleranfällig, da Patienten ihr Essverhalten oft ungenau dokumentieren (Over- und Underreporting) oder durch das Protokollieren sogar ihr Essverhalten verändern (Over- und Undereating).

Auch der Gewichtsverlust ist kein idealer Compliance-Parameter. Zwar wünschen sich viele Patienten und Therapeuten eine Gewichtsabnahme, aber nicht alle Patienten sollten oder können signifikant Gewicht verlieren. Besonders bei älteren Menschen liegt das Idealgewicht oft höher, und Personen mit bereits niedrigem Gewicht sollten nicht weiter abnehmen. Das Körpergewicht und der BMI spiegeln zudem nicht spezifisch den Abbau von viszeralem Fettgewebe (Fett im Bauchraum) wider. Ein Gewichtsverlust kann auch auf unerwünschte Effekte wie Kachexie (krankhafter Gewichtsverlust) oder Sarkopenie (Muskelabbau) hindeuten.

In klinischen Studien wird daher oft die Drop-out-Rate (Abbruchrate) als Parameter für die Belastung durch eine Therapie genutzt. Je intensiver oder strenger eine Therapie ist, desto häufiger brechen Patienten die Behandlung ab. Für einzelne Patienten ist dieser Wert nicht aussagekräftig, aber in größeren Gruppen kann die Drop-out-Rate ein guter Anhaltspunkt für die Compliance sein, da die genaue Therapietreue in vielen Studien nicht ausreichend dokumentiert wird. Die Zahl der Therapieabbrüche wird jedoch meist zuverlässig veröffentlicht.

Wie hoch ist die durchschnittliche Compliance bei Ernährungstherapien?

Die durchschnittliche Compliance gegenüber bestimmten Ernährungsformen lässt sich aus Beobachtungsstudien nicht ableiten. In solchen Studien leben die Teilnehmer meist nach ihren eigenen Vorlieben, religiösen Regeln oder individuellen Empfehlungen, ohne systematische Vorgaben. Daher kann ein geringer Anteil von freiwilligen Veganern in einer Kohortenstudie nicht als Hinweis auf eine geringe Akzeptanz dieser Ernährungsform gewertet werden, wenn man sie heute als Standardtherapie für andere Gruppen einsetzen würde.

Verlässliche Aussagen zur durchschnittlichen Compliance bei Ernährungstherapien stammen daher nur aus randomisiert-kontrollierten Studien (RCTs). Allerdings gibt es nicht zu allen diätetischen Ansätzen ausreichend viele RCTs. Langzeitstudien sind in der Ernährungsforschung ohnehin selten, und selbst für kürzere Zeiträume ist die Datenlage unterschiedlich. Für Low-Carb-, Low-Fat-, High-Protein-, mediterrane Ernährung, Low-GI, vegetarisch-vegane Diäten und Intervallfasten lassen sich grobe Schätzwerte aus Studien mit bis zu 6 Monaten Dauer ableiten. Nach etwa 6 Monaten hat sich die Compliance meist auf ein stabiles Niveau eingependelt, sodass dieser Zeitraum als sinnvoller Vergleichswert gilt.

Ein Blick auf die Studien zeigt, dass kohlenhydratreduzierte Ernährungsformen (Low-Carb) tendenziell höhere Drop-out-Raten aufweisen als Diäten ohne speziellen Fokus auf Kohlenhydrate. Das bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass Low-Carb-Diäten schlechter umsetzbar sind. Vielmehr werden in diesen Studien häufiger ältere Patienten mit Typ-2-Diabetes eingeschlossen, die Studiendauer ist oft länger, und auch Alter und Geschlechterverteilung unterscheiden sich zwischen den Studien. Es gibt viele Gründe für einen Studienabbruch: Unverträglichkeiten, Nebenwirkungen, fehlender Erfolg, mangelnde Abwechslung, Belastungen im privaten Umfeld oder neue Erkrankungen. Ein zentraler Faktor sind jedoch die Hindernisse bei der Compliance.

Die Drop-out-Rate ist also ein wichtiger, aber nicht perfekter Marker für die Therapietreue. Sie sammelt verschiedene Gründe für Therapieabbrüche, von denen nur einige direkt mit der Compliance zusammenhängen. Zufällige Ereignisse und seltene Komplikationen können immer das Durchhalten einer Therapie beeinflussen. Dennoch erlaubt die Drop-out-Rate in größeren Studien eine systematische Analyse, wie verschiedene Faktoren die Compliance beeinflussen.

Faktoren, die die Compliance beeinflussen: Was sagen die Studien?

Randomisiert-kontrollierte Studien (RCTs) zu Low-Carb- und Low-Fat-Ernährung zeigen, dass sowohl die Dauer als auch die Strenge der Diät mit der Drop-out-Rate zusammenhängen: Je länger und strenger die Diät, desto mehr Teilnehmer brechen ab. RCTs mit jüngeren Teilnehmern und solchen mit besonders adipösen Patienten (stark übergewichtig) weisen besonders hohe Abbruchraten auf. Auch eine sehr engmaschige Kontrolle der Therapietreue durch Ernährungsprotokolle kann abschreckend wirken und ist mit einer höheren Abbruchrate verbunden. Interessanterweise haben weder der Anteil an Diabetes-Patienten noch an Rauchern einen statistisch signifikanten Einfluss auf die Drop-out-Rate. Das spricht dafür, dass die Drop-out-Rate vor allem eine Verhaltensweise widerspiegelt und weniger durch gesundheitliche Gründe beeinflusst wird.

Auch für vegetarisch-vegane Diäten gibt es einige RCTs, die ähnliche Auswertungen erlauben. Auch hier zeigen Studien mit längerer Dauer und strengeren Vorgaben höhere Abbruchraten. Ein zu häufiges Ernährungsmonitoring wirkt sich ebenfalls negativ auf die Therapietreue aus. Anders als bei Low-Carb/Low-Fat-Diäten sind jedoch höheres Alter und höherer BMI keine signifikanten Risikofaktoren für eine geringere Compliance. Studien mit mehr Rauchern und solchen mit zusätzlichen Vorgaben zur körperlichen Aktivität zeigen höhere Abbruchraten. Veganismus und Vegetarismus schneiden in Bezug auf die Compliance ähnlich ab.

In den Analysen zu Low-Carb/Low-Fat sowie vegetarisch-veganer Ernährung zeigen Studien mit einem hohen Anteil an vorerkrankten Teilnehmern (z.B. mit Typ-2-Diabetes) keine erhöhte Abbruchrate. Auch die Geschlechterverteilung hat keinen Einfluss auf die Compliance. Für andere Ernährungsformen wie Formula-Diäten, mediterrane Ernährung, Low-GI oder High-Protein sind ähnliche Analysen grundsätzlich möglich, aber bisher noch nicht veröffentlicht.

Zusammengefasst zeigen die Studien, dass die Bereitschaft zur Einhaltung einer Diät von vielen Faktoren abhängt. Besonders die Dauer und Strenge der Diät sowie die Art der Kontrolle spielen eine Rolle. Individuelle Faktoren wie Alter, BMI oder Vorerkrankungen sind hingegen weniger entscheidend als oft angenommen.

Ausblick: Wie kann die Compliance in Zukunft verbessert werden?

Die genaue Bestimmung und – im Idealfall – die Vorhersage der Compliance sind entscheidend, um Ernährungstherapien für klinische Studien und die tägliche Praxis optimal zu gestalten. Auch die angestrebte Personalisierung von Therapien, zum Beispiel in der Diabetologie, setzt voraus, dass die Compliance zuverlässig eingeschätzt werden kann. Doch die Definition und Messung der Compliance bleibt komplex und technisch anspruchsvoll, vor allem wenn objektive Parameter fehlen. Für wissenschaftliche Studien sind daher vor allem randomisiert-kontrollierte Studien (RCTs) geeignet, bei denen persönliche Vorlieben und andere Einflüsse bei der Zuteilung der Ernährungsform keine Rolle spielen. Allerdings braucht es in der Ernährungsforschung mehr und längere RCTs mit breiterer Teilnehmerauswahl, um die tatsächliche Compliance besser erfassen und veröffentlichen zu können.

In der heutigen klinischen Praxis basiert die Personalisierung von metabolischen Ernährungstherapien auf drei Säulen. Erstens: das Prinzip von Versuch und Irrtum (trial-and-error) auf therapeutischer Seite. Wenn die zunächst vielversprechendste Diät nicht zum gewünschten Erfolg führt, wird die nächste Ernährungsform ausprobiert. Zweitens: die individuelle Überzeugung der Patienten, dass die Therapie ihnen hilft. Der sogenannte “Health belief” (Überzeugung von der Wirksamkeit der Therapie) ist entscheidend dafür, ob Patienten die Vorgaben überhaupt umsetzen oder gleich verwerfen. Drittens: die Vorauswahl durch die Patienten selbst, basierend auf ethischen, religiösen und sozialen Faktoren, welche Ernährungsform überhaupt akzeptabel ist. Ein wichtiger Aspekt ist dabei das oft geringe Haushaltseinkommen vieler Patienten mit metabolischen Erkrankungen, das den Zugang zu evidenzbasierten Ernährungstherapien einschränkt. Gesunde Ernährung ist für viele Menschen in westlichen Ländern finanziell schwer erreichbar.

Für die Zukunft ist es wichtig, die Compliance noch besser zu erfassen und zu verstehen. Nur so können Ernährungstherapien gezielt an die Bedürfnisse und Möglichkeiten der Patienten angepasst werden. Dazu braucht es mehr Forschung, bessere Messmethoden und einen offenen Dialog zwischen Patienten und Therapeuten. Auch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, wie die Erschwinglichkeit gesunder Lebensmittel, müssen verbessert werden, damit alle Menschen von den Vorteilen einer gesunden Ernährung profitieren können.

Wichtige Erkenntnisse für Patienten

  • Ernährungstherapien sind sowohl zur Vorbeugung als auch zur Behandlung vieler Erkrankungen wirksam, besonders bei bestimmten Patientengruppen oder Krankheitsuntergruppen.
  • Eine gute Compliance, also die konsequente Umsetzung der Ernährungsvorgaben, ist Voraussetzung für den Therapieerfolg.
  • Die genaue Definition und Messung der Compliance ist schwierig und oft nur mit subjektiven Methoden möglich.
  • Neben der Intensität und Dauer der Diät spielen vermutlich auch Patientenfaktoren wie Alter und BMI eine Rolle. Auch die Strenge der Überwachung beeinflusst die Bereitschaft zur Therapietreue.
  • Die bisherige Datenlage aus randomisiert-kontrollierten Studien zur Wirksamkeit von Ernährungstherapien ist insgesamt noch unzureichend. Es braucht mehr, größere und längere Interventionsstudien.

Dr. med. Stefan Kabisch

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Adipositas betrifft immer mehr Menschen in Europa und ist mit zahlreichen gesundheitlichen Risiken verbunden. In diesem Artikel, der auf INFO NEUROLOGIE & PSYCHIATRIE basiert, erfahren Sie, wie eine individuell angepasste Ernährungstherapie helfen kann, das Risiko für Folgeerkrankungen zu senken und die Lebensqualität zu steigern. Sie erhalten einen Überblick über aktuelle Empfehlungen, Herausforderungen und neue Ansätze in der Behandlung von Adipositas.

Adipositas in Europa: Zahlen, Risiken und Definitionen

Die Zahl der Menschen mit Übergewicht und Adipositas (Fettleibigkeit) steigt in Europa stetig an. Laut aktuellen Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind fast 60% der Erwachsenen im europäischen Raum von Übergewicht oder Adipositas betroffen. Besonders alarmierend ist, dass Adipositas für etwa 1,2 Millionen Todesfälle pro Jahr in Europa mitverantwortlich gemacht wird. Diese Zahlen verdeutlichen, wie wichtig es ist, das Thema ernst zu nehmen und effektive Therapieansätze zu entwickeln. Die WHO definiert Adipositas anhand des Body-Mass-Index (BMI), einem Maß, das das Körpergewicht in Relation zur Körpergröße setzt. Ein BMI über 30 kg/m2 gilt als adipös (starkes Übergewicht). Allerdings ist der BMI nur ein grobes Hilfsmittel und berücksichtigt weder die individuelle Körperzusammensetzung noch die Fettverteilung. Deshalb wird zusätzlich empfohlen, den Taillenumfang oder das Verhältnis zwischen Taille und Hüfte zu messen, um das Risiko für Folgeerkrankungen besser einschätzen zu können.

Die aktuellen deutschen S3-Leitlinien zur Prävention und Therapie der Adipositas stammen aus dem Jahr 2014 und werden derzeit überarbeitet. Deshalb orientieren sich viele Empfehlungen an den neueren kanadischen Leitlinien „Obesity in adults: a clinical practice guideline“ von 2020. Beide Leitlinien betonen, dass der BMI allein nicht ausreicht, um das Risiko für Adipositas-assoziierte Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, bestimmte Krebsarten oder Diabetes Mellitus Typ 2 zu beurteilen. Vielmehr spielen auch die Verteilung des Körperfetts, der sozioökonomische Status und genetische Faktoren eine wichtige Rolle. Das sogenannte „Edmonton Obesity System“ kann helfen, den Schweregrad der Adipositas genauer zu bestimmen, indem es nicht nur das Gewicht, sondern auch Begleiterkrankungen und die Lebensqualität berücksichtigt.

Adipositas ist nicht nur ein ästhetisches Problem, sondern erhöht das Risiko für zahlreiche Erkrankungen. Dazu zählen Herzinfarkt, Schlaganfall, verschiedene Krebsarten, Bluthochdruck und vor allem Diabetes Mellitus Typ 2. Das Risiko steigt dabei nicht nur mit dem BMI, sondern insbesondere mit einer ungünstigen Fettverteilung, wie sie zum Beispiel bei einem erhöhten Taillenumfang vorliegt. Auch psychosoziale Faktoren, wie Stress, Depressionen oder ein niedriger sozioökonomischer Status, können die Entwicklung von Adipositas begünstigen. Genetische Veranlagungen spielen ebenfalls eine Rolle, sodass nicht jeder Mensch mit Übergewicht die gleichen Risiken oder Herausforderungen hat.

Ernährungstherapie: Individuelle Betreuung durch Fachkräfte

Die Ernährungstherapie ist ein zentraler Baustein im Management der Adipositas. Sie sollte immer individuell auf die Bedürfnisse und Lebensumstände der betroffenen Person abgestimmt werden. In den Leitlinien wird empfohlen, dass die Ernährungstherapie von einer qualifizierten Ernährungsfachkraft durchgeführt wird. Dazu zählen Diätassistentinnen und Diätassistenten in Deutschland, Diätologinnen und Diätologen in Österreich sowie Ernährungsberaterinnen und Ernährungsberater in der Schweiz. Diese Fachkräfte verfügen über eine mehrjährige Ausbildung oder ein Studium im Bereich Ernährung und Diätetik und sind speziell geschult, Menschen mit Adipositas zu begleiten.

Die European Association for the Study of Obesity (EASO) fordert, dass jeder Mensch mit Adipositas Zugang zu einer qualifizierten ernährungstherapeutischen Betreuung haben sollte. In Österreich ist die Ernährungstherapie für Menschen mit Erkrankungen rechtlich geregelt: Nur Diätologinnen und Diätologen dürfen Ernährungsempfehlungen an Patientinnen und Patienten mit Erkrankungen aussprechen. In Deutschland kann grundsätzlich jede Person beraten, allerdings übernehmen die Krankenkassen die Kosten für eine ambulante Ernährungstherapie nur dann (ganz oder teilweise), wenn die Fachkraft entsprechend ausgebildet ist und eine ärztliche Notwendigkeitsbescheinigung vorliegt.

Ein großes Problem in der Praxis ist die Flut an widersprüchlichen und oft unseriösen Ernährungstipps, die über das Internet, Bücher, soziale Medien, aber auch durch Freunde, Familie oder sogar medizinisches Personal verbreitet werden. Studien zeigen, dass nur etwa 3% der Bücher zum Thema Ernährung und Diäten von qualifizierten Ernährungsfachkräften verfasst wurden. Die restlichen 97% enthalten häufig widersprüchliche oder nicht wissenschaftlich belegte Aussagen. Viele dieser Ratgeber versprechen schnelle Erfolge, fördern jedoch ein ungesundes, rigides Essverhalten und schließen oft ganze Lebensmittelgruppen aus. Solche Ansätze sind nicht auf die individuellen Bedürfnisse zugeschnitten und lassen sich im Alltag schwer umsetzen. Hinzu kommt, dass auch im Gesundheitswesen tätige Personen manchmal gut gemeinte, aber nicht immer fachlich fundierte Ernährungstipps geben, die nicht auf die jeweilige Lebenssituation der Patientinnen und Patienten abgestimmt sind.

Um die Qualität und Sicherheit in der Ernährungstherapie zu gewährleisten, gibt es in Österreich klare gesetzliche Regelungen. In Deutschland ist die Situation weniger streng geregelt, aber auch hier wird Wert auf eine qualifizierte Ausbildung gelegt. Die Kostenübernahme durch die Krankenkassen ist an bestimmte Voraussetzungen geknüpft. Eine individuelle und professionelle Ernährungstherapie ist deshalb besonders wichtig, um Fehlinformationen und gesundheitliche Risiken zu vermeiden.

Herausforderung Jo-Jo-Effekt: Warum Gewicht halten so schwer ist

Viele Menschen mit Adipositas haben bereits zahlreiche Diäten ausprobiert, bevor sie professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Oft werden dabei sehr strenge und einseitige Ernährungsformen gewählt, die zwar kurzfristig zu einer Gewichtsabnahme führen, aber langfristig nicht durchgehalten werden können. Nach dem Ende der Diät kommt es häufig zu einer erneuten Gewichtszunahme – manchmal sogar über das Ausgangsgewicht hinaus. Dieses Phänomen wird als „Jo-Jo-Effekt“ bezeichnet. Der Jo-Jo-Effekt ist ein komplexes Zusammenspiel aus hormonellen, biologischen und metabolischen Vorgängen (also Stoffwechselprozessen), die nicht allein durch Willenskraft, Motivation oder Disziplin überwunden werden können.

Der Jo-Jo-Effekt ist für viele Betroffene frustrierend und kann das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes Mellitus Typ 2 zusätzlich erhöhen. Wiederholte Gewichtsschwankungen belasten den Körper und können langfristig die Gesundheit beeinträchtigen. Eine qualifizierte Ernährungsfachkraft kann helfen, das Gewicht zu stabilisieren und gemeinsam mit den Patientinnen und Patienten eine nachhaltige Ernährungsumstellung zu erarbeiten. Studien zeigen, dass individuell angepasste Ernährungskonzepte, die auf die persönlichen Bedürfnisse und Lebensumstände Rücksicht nehmen, langfristig erfolgreicher sind als starre Diäten.

Zu den untersuchten Ernährungsformen bei Adipositas zählen unter anderem die mediterrane Ernährung (reich an Gemüse, Obst, Olivenöl und Fisch), die „DASH-Diet“ (Dietary Approaches to Stop Hypertension, eine Ernährungsform zur Blutdrucksenkung), die nordische Ernährungsweise oder auch kurzfristig eingesetzte Mahlzeitenersatzprodukte. Entscheidend ist, dass die gewählte Ernährungsform in den Alltag integrierbar ist und individuelle Barrieren wie berufliche Belastung, familiäre Verpflichtungen, finanzielle Möglichkeiten oder die psychische Verfassung berücksichtigt werden. Die Ernährungstherapie verfolgt nicht das Ziel einer reinen Kalorienreduktion, sondern möchte das Wohlbefinden und die Gesundheit durch eine Veränderung der Ernährungs- und Verhaltensmuster fördern.

Ein Beispiel für eine nachhaltige Ernährungsumstellung ist die Förderung von ballaststoffreichen Lebensmitteln, die für ein langanhaltendes Sättigungsgefühl sorgen und so helfen, die Gesamtenergieaufnahme zu reduzieren. Auch das bewusste Essen – zum Beispiel regelmäßige Mahlzeiten in Ruhe und ohne Ablenkung – kann dazu beitragen, Heißhungerattacken zu vermeiden und das Körpergefühl zu stärken. Essen wird so zu einem Akt der Selbstfürsorge und nicht mehr zu einer reinen Reaktion auf Stress oder negative Gefühle.

Eine reine Kalorienreduktion hat laut Studien meist nur einen kurzfristigen Effekt. Langfristig kommt es häufig wieder zur Gewichtszunahme. Auch wenn Medikamente zur Gewichtsreduktion eingesetzt werden, empfehlen die Leitlinien immer eine begleitende Ernährungs- und Verhaltensumstellung. Nach dem Absetzen der Medikamente ist die Gefahr groß, dass das Gewicht wieder ansteigt, wenn keine nachhaltigen Veränderungen im Essverhalten stattgefunden haben. Zudem besteht das Risiko einer Mangelernährung, wenn während der medikamentösen Behandlung nicht auf eine ausreichende Zufuhr von Proteinen und wichtigen Nährstoffen geachtet wird.

Um die Qualität der Ernährungstherapie zu sichern, wurden in Deutschland der „German-Nutrition-Care-Process“ und in Österreich der diätologische Prozess entwickelt. Diese Prozessmodelle helfen der Ernährungsfachkraft, gemeinsam mit den Betroffenen einen individuellen Weg zu finden, um die Ernährungssituation nachhaltig zu verbessern. Dabei werden alle relevanten Faktoren – von der medizinischen Vorgeschichte über die Lebensumstände bis hin zu persönlichen Vorlieben – berücksichtigt.

Psychische Gesundheit und Stigmatisierung: Die unsichtbaren Hürden

Ein wichtiger, aber oft unterschätzter Aspekt der Adipositas ist die psychische Gesundheit. Menschen mit Adipositas leiden häufiger unter psychischen Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen oder Essstörungen. Die mentale Gesundheit beeinflusst das Essverhalten maßgeblich: Essen kann als Bewältigungsstrategie für Stress, Traurigkeit oder Frust dienen, während restriktives Essverhalten oder das bewusste Nicht-Essen als Versuch der Emotionskontrolle eingesetzt werden kann. Besonders problematisch ist, dass viele Betroffene zusätzlich unter Gewichtsstigmatisierung und Diskriminierung leiden.

Gewichtsstigmatisierung bezeichnet die Vorurteile und negativen Einstellungen, denen Menschen mit Übergewicht oder Adipositas ausgesetzt sind. Im Englischen spricht man von „weight bias“. Beispiele sind die Annahme, dass Menschen mit Adipositas faul, undiszipliniert oder nachlässig in der Körperpflege seien. Solche Vorurteile können zu verbalen Angriffen, Diskriminierung im Alltag und sogar zu Mikroaggressionen führen. Die Folge ist, dass viele Betroffene aus Angst oder Scham medizinische Einrichtungen meiden und gesundheitliche Probleme nicht rechtzeitig behandeln lassen. Gewichtsdiskriminierung kann so zu einer schlechteren Gesundheitsversorgung und einer verminderten Lebensqualität führen. Sie fördert zudem gestörtes Essverhalten und kann das Risiko für Essstörungen erhöhen.

In der Praxis ist es wichtig, auffälliges Verhalten wie stark eingeschränktes Essverhalten, Bewegungszwang, Missbrauch von Abführmitteln (Laxanzienabusus), gestörte Körperwahrnehmung oder das Ausbleiben der Menstruation (Amenorrhö) ernst zu nehmen. Besonders nach erfolgreicher Gewichtsabnahme können solche Symptome auf eine Essstörung hinweisen. Hier ist eine interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Ernährungsfachkräften, Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten sowie Ärztinnen und Ärzten notwendig, um die Betroffenen bestmöglich zu unterstützen.

Ein sensibler Umgang mit dem Thema Gewicht ist in der Behandlung von Adipositas unerlässlich. Die kanadischen Leitlinien empfehlen, das Gespräch über das Gewicht behutsam zu beginnen und die Patientinnen und Patienten zu fragen, ob sie sich wohlfühlen, über dieses Thema zu sprechen. Erst wenn ein Vertrauensverhältnis besteht, kann gemeinsam eine individuelle und leitliniengerechte Therapiestrategie entwickelt werden. Auch die Gestaltung der Praxisräume – zum Beispiel durch stabile und bequeme Stühle für Menschen mit höherem Körpergewicht – kann dazu beitragen, eine angenehme und wertschätzende Atmosphäre zu schaffen.

Gewichtsneutrale Interventionen und neue Ansätze in der Ernährungstherapie

In den letzten Jahren gewinnen gewichtsneutrale Interventionen in der Ernährungstherapie zunehmend an Bedeutung. Das bedeutet, dass der Fokus nicht ausschließlich auf der Gewichtsreduktion liegt, sondern auf der Verbesserung der allgemeinen Gesundheit und Lebensqualität. Die European Association for the Study of Obesity (EASO) und die kanadischen Leitlinien sind sich einig, dass das Management der Adipositas vor allem darauf abzielen sollte, die Gesundheit zu fördern – unabhängig davon, ob eine Gewichtsabnahme erreicht wird.

Ein Beispiel für einen gewichtsneutralen Ansatz ist die „Intuitive Ernährung“. Dabei lernen die Betroffenen, wieder auf die natürlichen Hunger- und Sättigungssignale ihres Körpers zu achten und Essen nicht mehr mit Verboten oder Schuldgefühlen zu verbinden. Auch das Konzept „Health at every Size“ (Gesundheit in jedem Körpergewicht) verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz: Neben Ernährungswissen werden Kompetenzen wie Emotionsregulation, Körperwahrnehmung und Selbstfürsorge vermittelt. Ziel ist es, das gestörte Essverhalten zu verringern und das Körperbild zu verbessern. Diese Interventionen können sowohl in Gruppen als auch im Einzelsetting von interdisziplinären Teams durchgeführt werden.

Obwohl gewichtsneutrale Interventionen vielversprechend sind, gibt es bisher noch zu wenige wissenschaftliche Studien, um sie fest in die Leitlinien zu integrieren. Dennoch zeigen erste Ergebnisse, dass sie dazu beitragen können, die Lebensqualität zu steigern und das Risiko für Essstörungen zu senken. Wichtig ist, dass die Ernährungstherapie immer individuell auf die Bedürfnisse und Ressourcen der Betroffenen abgestimmt wird. Je besser die Therapie zur jeweiligen Lebenssituation passt, desto größer sind die Chancen auf einen langfristigen Erfolg.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es nicht die eine „richtige“ Ernährungsform oder ein Patentrezept für alle Menschen mit Adipositas gibt. Vielmehr ist eine individuelle, bedarfs- und bedürfnisorientierte Ernährungstherapie empfehlenswert. In manchen Fällen kann es sinnvoll sein, nicht auf eine Gewichtsabnahme, sondern auf eine Gewichtsstabilisierung hinzuarbeiten, um die negativen Folgen des Jo-Jo-Effekts zu vermeiden und die Gesundheit zu fördern. Die enge Zusammenarbeit zwischen allen beteiligten Gesundheitsberufen – von der Ernährungsfachkraft über die Psychotherapie bis zur ärztlichen Betreuung – ist dabei entscheidend.

Praktische Empfehlungen und Take-Home-Messages

Für Patientinnen und Patienten mit Adipositas ist es wichtig zu wissen, dass der BMI allein nicht ausreicht, um das individuelle Risiko für Folgeerkrankungen zu bestimmen. Eine ausführliche Anamnese (Erhebung der Krankengeschichte) und die Bestimmung der Fettverteilung – zum Beispiel durch Messung des Taillenumfangs – sind für eine genaue Risikoeinschätzung unerlässlich. Die Ernährungstherapie sollte immer von einer qualifizierten Ernährungsfachkraft durchgeführt werden, um die Qualität und Sicherheit der Behandlung zu gewährleisten. In Österreich ist dies sogar gesetzlich geregelt, in Deutschland übernehmen die Krankenkassen die Kosten nur bei entsprechender Qualifikation der Fachkraft.

Der Jo-Jo-Effekt ist ein komplexes biologisches Phänomen, das nicht allein durch Disziplin oder Willenskraft überwunden werden kann. Wiederholte Gewichtsschwankungen erhöhen das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes Mellitus Typ 2. Deshalb ist es wichtig, gemeinsam mit einer Ernährungsfachkraft eine nachhaltige und alltagstaugliche Ernährungsumstellung zu erarbeiten. Auch wenn Medikamente zur Gewichtsreduktion eingesetzt werden, bleibt die begleitende Ernährungs- und Verhaltensänderung der wichtigste Baustein für einen langfristigen Erfolg.

Die Ernährungstherapie bei Adipositas sollte nicht nur auf die Gewichtsreduktion abzielen, sondern vor allem die Gesundheit und Lebensqualität verbessern. Neue gewichtsneutrale Ansätze wie die Intuitive Ernährung oder „Health at every Size“ können helfen, das gestörte Essverhalten zu verringern und das Körperbild zu stärken. Wichtig ist, dass sich die Therapie an den individuellen Bedürfnissen orientiert und alle relevanten Lebensumstände berücksichtigt.

Ein respektvoller und wertschätzender Umgang mit Menschen mit Adipositas ist für eine erfolgreiche Therapie unerlässlich. Gewichtsstigmatisierung und Diskriminierung können die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen und sollten aktiv vermieden werden. Die Zusammenarbeit aller Gesundheitsberufe ist entscheidend, um die bestmögliche Versorgung sicherzustellen.

Take-Home-Messages

  • Der BMI allein ist zur Bewertung des Risikos für Adipositas-assoziierte Erkrankungen nicht aussagekräftig. Für eine adäquate Beurteilung wird zusätzlich eine ausführliche Anamnese und das Fettverteilungsmuster, welches mithilfe von Taillenumfang bzw. am Verhältnis zwischen Taillen- und Hüftumfang bestimmt wird, empfohlen.
  • Um die Qualität und Sicherheit in der Ernährungstherapie zu gewährleisten, ist die Ernährungstherapie von Menschen mit Erkrankungen in Österreich rechtlich geregelt: nur Diätologen dürfen Ernährungsempfehlungen an Menschen mit Erkrankungen aussprechen.
  • Der  „Jo-Jo-Effekt“ zeigt sich als ein hochkomplexes Zusammenspiel von hormonellen, biologischen und metabolischen Vorgängen, welche nicht durch Motivation, Compliance, Adhärenz oder Willenskraft durchbrochen werden können.
  • Auch bei Pharmakotherapie zur Gewichtsreduktion ist eine begleitende Ernährungs- und Verhaltensumstellung empfohlen. Studien zeigten, dass nach Absetzen der Medikamente meist eine Gewichtszunahme stattfindet, wenn keine Ernährungs- bzw. Verhaltensänderung stattgefunden hat.
  • Ernährungstherapie bei Adipositas sollte nicht nur zum Zwecke der Gewichtsreduktion durchgeführt werden, sondern vor allem, um die Gesundheit und Lebensqualität zu verbessern.

Julia Brandacher, BSc.

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Der medizinische Einsatz von Cannabis wird intensiv erforscht und ist Gegenstand vieler Diskussionen. Besonders bei chronischen Schmerzen und Epilepsie zeigen Studien positive Effekte, aber auch Risiken. Dieser Artikel basiert auf einer aktuellen Analyse aus INFO NEUROLOGIE & PSYCHIATRIE und gibt Ihnen einen verständlichen Überblick über Nutzen und Nebenwirkungen von Cannabis, Cannabinoiden und cannabisbasierten Arzneimitteln.

Was sind Cannabinoide und wie wirken sie?

Cannabis enthält mehr als 100 verschiedene Cannabinoide (natürliche Wirkstoffe der Cannabispflanze). Die wichtigsten für die Medizin sind Δ9-Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD). Δ9-Tetrahydrocannabinol ist ein sogenannter partieller Agonist (Bindungspartner) an CB1-Rezeptoren und kann auch an CB2-Rezeptoren binden. CB1-Rezeptoren befinden sich vor allem auf Nervenzellen im Gehirn und im Körper, aber auch auf Immunzellen. Wenn THC an CB1-Rezeptoren bindet, entsteht der typische Rauschzustand (Gefühl der Benommenheit und Euphorie), der auch das Risiko für Missbrauch erhöht. CB2-Rezeptoren kommen vor allem auf Immunzellen vor und sind weniger im Nervensystem verbreitet. Cannabidiol (CBD) erzeugt keinen Rausch und gilt daher als weniger missbrauchsanfällig. Zudem gibt es Hinweise, dass CBD keine Psychosen (schwere Störungen des Denkens und der Wahrnehmung) auslöst.

Cannabiskonsum: Verbreitung und Risiken

Nach Alkohol und Tabak ist Cannabis die am dritthäufigsten konsumierte Substanz mit Missbrauchspotenzial. In den USA leiden etwa 6,3 % der Menschen im Laufe ihres Lebens an einer Cannabiskonsumstörung (Probleme durch übermäßigen Konsum), in den letzten 12 Monaten waren es 2,5 %. In Europa gaben rund 15 % der 15- bis 35-Jährigen an, im vergangenen Jahr Cannabis konsumiert zu haben. Jeder dritte regelmäßige Konsument entwickelt Probleme, die das tägliche Leben beeinträchtigen können. Studien zeigen, dass Cannabis die psychische Gesundheit (z.B. Risiko für Angststörungen oder Psychosen), die körperliche Gesundheit und die Sicherheit im Straßenverkehr negativ beeinflussen kann. Andererseits wird CBD seit über zehn Jahren als möglicher Wirkstoff bei neurologischen Erkrankungen wie therapieresistenter Epilepsie (Epilepsie, die auf übliche Medikamente nicht anspricht) untersucht. Auch bei Angststörungen, Schlafproblemen und als Zusatztherapie bei Psychosen gibt es erste Hinweise auf einen Nutzen. Zudem werden cannabisbasierte Arzneimittel für verschiedene Erkrankungen und Symptome erforscht.

Wie wurde die Studienlage bewertet?

In den letzten Jahren wurden immer mehr Meta-Analysen (Studien, die viele Einzelstudien zusammenfassen) zu den Auswirkungen von Cannabinoiden auf die Gesundheit veröffentlicht. Viele dieser Analysen beruhen auf Beobachtungsstudien (Studien, die Zusammenhänge beobachten, aber keine Ursache-Wirkung beweisen können) und sind daher anfällig für Verzerrungen. Bisher fehlte eine umfassende Übersicht, die sowohl Beobachtungsstudien als auch randomisierte kontrollierte Studien (RCTs, also Studien mit zufälliger Zuteilung zu Behandlungsgruppen) systematisch bewertet. Ziel der aktuellen Arbeit war es, die Qualität, Glaubwürdigkeit und Sicherheit der Zusammenhänge zwischen Cannabis, Cannabinoiden und cannabisbasierten Arzneimitteln und der menschlichen Gesundheit zu beurteilen.

Ergebnisse: Nutzen und Nebenwirkungen im Überblick

In die Analyse wurden 101 Meta-Analysen einbezogen. Die Auswertung der RCTs mit hoher bis mittlerer Sicherheit zeigte, dass cannabisbasierte Arzneimittel häufiger zu unerwünschten Ereignissen im zentralen Nervensystem (z.B. Schwindel, Müdigkeit), psychologischen Nebenwirkungen (z.B. Stimmungsschwankungen) und Beeinträchtigungen des Sehvermögens führen können. Gleichzeitig verbesserten sie jedoch Symptome wie Übelkeit, Erbrechen, Schmerzen und Spastik (erhöhte Muskelspannung). Besonders Cannabidiol zeigte bei bestimmten Epilepsieformen wie dem Lennox-Gastaut-Syndrom und dem Dravet-Syndrom eine deutliche Reduktion der Anfallshäufigkeit bei Kindern und Erwachsenen. Allerdings traten unter CBD häufiger Durchfall und Somnolenz (Schläfrigkeit) auf. CBD hatte keinen Einfluss auf Schlafstörungen, verbesserte aber die Lebensqualität und den Gesamteindruck der Erkrankung. Bei Multipler Sklerose verbesserten Cannabinoide die Spastik und Schmerzen, erhöhten jedoch das Risiko für Schwindel, Mundtrockenheit, Übelkeit und Müdigkeit.

Für wen sind cannabisbasierte Arzneimittel eine Option?

Die Studien zeigen, dass Cannabidiol vor allem bei Epilepsie wirksam ist, insbesondere wenn andere Therapien nicht ausreichend helfen. Cannabisbasierte Medikamente können auch bei Multipler Sklerose, chronischen Schmerzen, entzündlichen Darmerkrankungen und in der Palliativmedizin (medizinische Betreuung schwerkranker Menschen) hilfreich sein. Dennoch sind sie nicht frei von Nebenwirkungen. Für Patienten mit Epilepsie, chronischen Schmerzen verschiedener Ursachen, Muskelspastizität bei Multipler Sklerose, Übelkeit und Erbrechen bei unterschiedlichen Erkrankungen sowie für Schlafprobleme bei Krebspatienten könnten cannabisbasierte Arzneimittel eine sinnvolle Behandlungsoption darstellen. Wichtig ist jedoch immer eine individuelle ärztliche Beratung, um Nutzen und Risiken sorgfältig abzuwägen.

Quellen

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  2. INFO NEUROLOGIE & PSYCHIATRIE 2024; 22(3): 24